VI. P  S  Y  C  H  I  A  T  R  I  E

INHALT
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Zum Verständnis zwei Vorbemerkungen:
• Krankheiten sollten wir nicht nur als Folge von Fehlverhalten interpretieren!
• Krankheiten sollten nicht als das absolute Übel angesehen werden, das es nur zu beseitigen gilt, denn sie können, wie Leid überhaupt, auch positiven Charakter haben.
[1]


Zu Ursachen seelischer Krankheiten

                                   „Denn, wie die Pflanze, wurzelt auf eigenem Grund sie nicht, verglüht die Seele des Sterblichen.“
                                            F. Hölderlin

Die Ursachen für Krankheiten ähneln den Ursachen für Unglücke: Jedes Unglück kann jeden Menschen treffen, wenn auch mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit. Der Betroffene selbst ist an seinem Unglück bzw. Krankheit sehr unterschiedlich beteiligt:
Unglück oder Krankheit kann ihn ohne Schuld treffen - er kann aber auch der Hauptverantwortliche dafür sein.

Zugrundeliegende Hypothesen (die ich teilweise zum besseren Verständnis wiederhole):[2]

1. Krankheit und Gesundheit haben gegenüber den eigentlichen Absolutheiten eine relative Bedeutung. (Siehe entsprechendes Kapitel).
2. Als Relativa haben Krankheit und Gesundheit positive und negative Anteile. D.h. Krankheit ist nicht absolut negativ und Gesundheit ist nicht absolut positiv.
3. Häufigste primäre (!) Ursachen für psychisch relevante Veränderungen allgemein und für entsprechende Krankheiten und Gesundheit speziell sind absoluten, also geistigen Ursprungs von Menschen, die fremde Absolutheiten generieren.
Da Krankheit nicht absolut negativ und Gesundheit nicht absolut positiv ist, kann man schlussfolgern, dass +A im Ausnahmefall auch Krankheit und −A im Ausnahmefall auch Gesundheit verursachen kann.
[3] Diese Primärursachen bzw. die ihnen zugrunde liegenden Absolutbereiche sind aber nicht direkt nachweisbar oder beweisbar.
4. Relativ gut nachvollziehbar ist die Entstehung von Krankheiten (oder Gesundheiten) durch
fremde Absolutheiten (FA/Es).[4] Diese stehen als Verursacher in dieser Arbeit im Vordergrund. Ich sehe die primäre Ursache für die Entstehung psychischer Krankheiten in fremden Absolutheiten (FA/Es). Auch wenn ich psychische Krankheiten vor allem von fremden Absolutheiten (und Nichts) ableite, so ist doch festzustellen, dass psychische Krankheiten als Relativa auch von anderen Relativa (als Sekundärursachen) erzeugt werden können. Dazu gehören auch körperliche Ursachen.
5. Ein FA/Es wirkt selten alleine, sondern die FA/Es bekämpfen oder neutralisieren sich oder paktieren miteinander. Die entstandenen Komplexe stellen so komplexe Krankheitsursachen dar.
6. Die Ursachen psychischer Krankheiten sind selten nur im Betroffenen selbst zu suchen, sondern in allen auf ihn wirkenden pr Bereichen.
7. Psychische Krankheiten sind nicht nur Folge der bisher genannten geistig-seelischen Ursachen, sondern haben auch biologisch-materielle (Mit-)Ursachen, die ich, wie gesagt, letztlich (!) als Sekundärursachen sehe.
Ähnliches sagt die häufige Aussage in der Literatur bei der Besprechung der Genese der meisten seelischen Erkrankungen:
„Wahrscheinlich besteht eine multifaktorielle Genese mit genetischen, neurobiologischen und psychosozialen Ursachen.”
Der Anteil dieser einzelnen Faktoren ist sicher von Fall zu Fall unterschiedlich groß. Wenn ich in dieser Arbeit das Schwergewicht auf den geistig-seelischen Bereich lege, dann deshalb, weil hier kausale und m.E. sehr effiziente Therapien möglich sind. Das ist i.d.R. nicht der Fall, wenn man versucht, den biologisch-materiellen Bereich (z.B. Gehirn, Gene usw.), meistens durch Psychopharmaka, zu beeinflussen
.[5]
Allerdings scheint sich hier ein Wandel in den Anschauungen abzuzeichnen, der hoffentlich auch zu Änderungen in den Therapiestrategien führt. Hier sind vor allem Forschungsergebnisse der Epigenetik zu nennen.[6] D.h. Gene arbeiten nicht automatisch. Sie müssen aktiviert, „aufgeklappt“ werden, um zu wirken. Sie sind also keine absolut primäre Ursache. Man kann deshalb die Gene mit einem Musikinstrument vergleichen: Viele Saiten stehen zur Verfügung. Aber sie müssen aktiviert werden. Was, wer verursacht eine Melodie? Das Musikinstrument? Der Spieler? Weiter zurück: der Komponist? Der Geist des Komponisten?
Also viele Verursachungen und Bedingungen. Aber nur jeweils eine absolute, primäre, invariante, wie ich meine, die letztgenannten.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus?
Seelische Krankheiten haben alle möglichen Ursachen, die diese mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit bzw. Unwahrscheinlichkeit hervorrufen. Man kann aber mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass die Hauptursache für
psychische Krankheiten verabsolutierte Grundhaltungen sind, wobei negative Grundhaltungen am ehesten krank machen. Konkreter: Ein Kind, das nicht oder nur unter Vorbedingungen geliebt wird, wird viel eher seelisch krank als ein geliebtes Kind. Oder, wieder allgemeiner ausgedrückt: Liebe wirkt am stärksten gesundheitsfördernd, während andererseits Hass und Menschenverachtung am stärksten krankheitsfördernd wirken.[7]
Wenn in der
Übersichtstabelle [8] bzw. in den Ausführungen fast ausschließlich der Bezug zwischen negativen Haltungen einerseits und Krankheiten andererseits hergestellt wird (und positive Haltungen und Handlungen im Wesentlichen bei der Krankheitsentstehung unberücksichtigt bleiben), dann deshalb, weil hier die Hauptursache für das Entstehen seelischer Krankheiten gesehen wird und sich diese am besten in dieser Dynamik /Abfolge darstellen lassen. M.a.W.: Krankmachend sind also neben dem −A vor allem die −FA.[9]

Psychische Krankheiten aus biografischer Perspektive

                                    „Denn, wie die Pflanze, wurzelt auf eigenem Grund sie nicht, verglüht die Seele des Sterblichen.“
                                    F. Hölderlin

Rückschau über bisher Gesagtes

Fassen wir noch einmal für das Verständnis dieses Abschnitts Wichtiges zusammen:
Psychisch Relevantes (pR) wie Wirklichkeiten und Menschen werden von etwas bestimmt, das ich das Absolute nenne. Dem Absoluten ist das Relative untergeordnet. Daneben kann man noch ein Nichts postulieren. Diese drei Anteile stellen die „Dimensionen“ des psychisch Relevanten dar. Sie bestimmen uns und die Wirklichkeit. Repräsentant des Absoluten ist der Geist. Das Absolute, der Geist, durchdringt das Relative: Psyche und Materie.
Den Absolutbereich der Person bzw. den geistigen Bereich der Person nenne ich das Selbst.
Er umfasst auch den seelischen und materiellen, also den Körperbereich, des Menschen.
   Was für den Menschen absolut ist, ist für ihn bestimmend.
   Ich unterscheide:
eigentliches Absolutes (A) - personell: das Selbst,
fremdes Absolutes (FA) - personell: Fremd-Selbst (FS).

Das eigentliche positive Absolute, der gute Geist, liebt uns Menschen und alles Relative.
Fremde Absolutheiten (FA) dagegen lieben uns nicht, sondern beherrschen uns und das Relative. 
[10] Sie erzeugen „Inversionen“ - Vertauschung des Absoluten und Relativen: Relatives tritt an die Stelle des Absoluten und eigentlich Absolutes wird relativ oder nichtig. Das verabsolutierte Relative nenne ich allgemein fremdes Absolutes (FA) und personell Fremd-Selbst (FS).
Bezüglich der Qualitäten stellten wir fest: Relativ Positives wird durch Inversionen zu positivem Absoluten gemacht (+FA bzw. +FS)) und das eigentliche absolute Positive (das dem Menschen eine unbedingte, nicht hinterfragbare Position, wie etwa uneingeschränkte, vorbedingungslose Freiheit, Würde und Selbstbestimmung gibt), wird relativiert oder negiert. Der Mensch wird so dem Relativen unterworfen. Ebenso wird an sich nur relativ Negatives absolut genommen und bildet nun in dem Betreffenden feindliche, tabuisierte oder als absolut böse empfundene Anteile (−FA/−FS), die den Betreffenden gleichfalls beherrschen.                                                               

 Das linke Symbolbild zeigt einen freien Absolut- oder Selbst-Bereich im Inneren und einen äußeren grauen Relativbereich. Dieser ist wieder unterteilt in einen inneren Bereich, der der Psyche entspricht und einem äußeren Bereich, der den Körper repräsentiert. Der psychische Bereich liegt also zwischen dem körperlichen und dem geistigen Bereich.
Das rechte Symbolbild zeigt zwei prinzipielle Inversionsmöglichkeiten:
Von links dringt ein relatives Positives und von rechts ein relatives Negatives in den Absolutbereich der Person ein. Sie bilden dort fremde Absolutheiten (FA), links ein +FA, rechts ein −FA.

    Wir postulierten, dass der psychische Bereich am meisten vom geistigen Bereich beeinflusst wird und deshalb für therapeutische Interventionen am wichtigsten ist.
Wir stellten weiter fest, dass mit der Bildung eines FA auch die Bildung seines konträren und kontradiktorischen Gegenteils einhergeht, die allerdings, zumindest am Anfang des Prozesses, nicht in Erscheinung treten. Konträr zum +FA etwa steht ein −FA-Anteil und kontradiktorisch ein 0-Anteil. Diese drei Anteile zusammen habe ich `Es´ genannt, weil nun ein verabsolutiertes, in sich gespaltenes etwas (Es) ein pr Geschehen bzw. Menschen dominiert. Das an die Stelle des Absoluten gesetzte Relative, in Form des FA bzw. Es, bildet ein neues Zentrum, das expandiert und weiteres Relatives bindet und so neue fremde Systeme bildet. Ein FA/Es reagiert auf andere FA/Es entweder indem diese miteinander paktieren oder sich bekämpfen oder sich neutralisieren. Es entstehen so dominierende „Hyperkomplexe“, die bestimmte Wirklichkeitsbereiche verändern und neue fremde Wirklichkeiten bilden. Parallel dazu geht ein Verlust an eigentlicher Wirklichkeit. Die neuen fremden Wirklichkeiten bzw. die sie dominierenden Komplexe besitzen neue fremde Qualitäten und Gesetzmäßigkeiten, wie sie schon beschrieben wurden. Seelischen Krankheiten liegen solche Komplexe zugrunde. Obwohl ein Komplex schon eine Störung darstellt, wird man von Krankheit erst dann sprechen, wenn ein bestimmtes Ausmaß dieser Komplexe und deren Auswirkungen vorliegen.
Die Inversion kann verschiedene Ausgangspunkte haben: Sie kann von dem Betreffenden selbst oder von außen kommen. Sie verläuft meist unbewusst. Hat der Betreffende seine eigentliche absolute Position aufgegeben oder noch gar nicht gefunden, sondern sich fremden positiven oder negativen Absolutheiten unterworfen, so bilden diese in ihm also Fremd-Selbsts (FS), die ihn bestimmen.[11]
Wir sahen weiter, wie das Fremd-Selbst gespalten ist, wie aber das Gespaltene sich in seiner Stellung gegen das Selbst einig ist. Wie beschrieben, wirken die FS auf den ganzen Menschen unter Betonung der Aspekte, in denen sie sich etabliert haben. Verschiedene FS untereinander verstärken sich in ihrer Wirkung oder schwächen einander ab. Immer aber schwächen sie das eigentliche Selbst. Das Ich muss dann immer wieder das tun, was diese Kräfte, diese FS, „wollen”. Es muss deren Forderungen erfüllen und sich ihnen anpassen ( Anpassung und Kompensation), vor allem das absolut positiv Genommene unbedingt erfüllen ( Bewältigung, Erfüllung), das absolut Negative unbedingt vermeiden und bekämpfen ( Abwehr) und fremdes Nichts versuchen auszufüllen. Die Freiheit des Ich wird eingeschränkt, das Ich wird mehr zum passiven Objekt und das, was das Ich macht, ist „schlechter” oder funktionaler: Der Mensch funktioniert, anstatt zu leben. Er wird sich selber fremd und feind. Genauer: Er wird sein eigener Feind und sein eigener Götze, denn er identifiziert sich nicht nur über sein eigenes negatives, sondern auch sein positives Fehlabsolutes. (S. a.a.O.)
Je mehr sich der Mensch mit den verabsolutierten Objekten identifiziert, umso mehr wird er selbst zum Objekt und Ding, während gleichzeitig die verabsolutierten Objekte personalen und Subjekt-Charakter annehmen.
Das, was der Mensch geworden ist, ist also wesentlich das Resultat der verschiedenen Fremd- und Selbstkräfte. Dort, wo sich die Auswirkungen der Inversionen vor allem konzentriert haben, entstehen psychische Krankheiten. Diese sind so Folgen von `Ver-selbst-ständigungen´ von etwas Selbst-Fremden. Sie entstehen dort, wo die positiven Kräfte des Selbst den fremden Kräften nicht mehr widerstehen können. Um sich nicht völlig aufgeben zu müssen, wird der Mensch krank. Erinnert sei nochmals daran, dass weder das Fremd-Selbst noch die Krankheiten das rein Negative sind. Die meist unbewusste Lösung, die der Mensch mit der Krankheit für seine unbewältigten Probleme findet, ist weder die gute noch die schlechte Lösung, sondern, wie schon S. Freud betonte, eine Ersatz-, eine Kompromiss-, eine Notlösung. So wie auch das Fremd-Selbst weder das böse noch das gute Selbst, sondern ein Ersatz-Selbst ist. Die gute Lösung wäre dem eigentlichen Selbst (stärker: Gott selbst) zu vertrauen, die schlechte Lösung, es prinzipiell und total zu verwerfen. Der psychisch Kranke macht weder das eine noch das andere: Er wagt weder, seinem eigentlichen Selbst zu vertrauen, noch verwirft er es völlig - er vertraut mal dem Selbst, mal den Fremd-Selbsts. Die Krankheit ist also für den Patienten nicht nur negativ. Er kann sich durch sie und die FS schützen und vor dem völligen Untergang bewahren. Doch der Preis ist hoch: Der Betreffende fristet ein Schatten-, Ersatzdasein - das wir ab einem bestimmten Punkt auch krankes Dasein nennen. [12]
Im Folgenden wollen wir diese Mechanismen unter biographischen Gesichtspunkten betrachten.13]

Beginn

                                                                                    „Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
                                                                                    die von nichts wissen, wachsen auf und sterben."
                                                                                    Hugo von Hofmannsthal

Die Geschichte seelischer Krankheiten beginnt meist in der Kindheit oder schon vor der Geburt. Sie wird m.E. letztlich von den unterschiedlichsten Geisteshaltungen bestimmt, die die Eltern oder die Umgebung auf das Kind übertragen oder die das Kind später selber wählt. Allen diesen Geisteshaltungen liegen bestimmte Absolutheiten zugrunde. D.h. das, was die Eltern oder die Umwelt des Kindes für absolut wichtig und unbedingt hielten, werden sie dem Kind auch in seiner unbedingten Bedeutung vermitteln.  Das geschieht meist unbewusst und oft in scheinbar unauffälligen Alltagssituationen. Dieses Absolute und Unbedingte kann es wirklich sein oder es ist ein fremdes Absolutes und Unbedingtes. Nur das erste wird dem eigentlichen Selbst des Kindes entsprechen, das zweite nicht und dieses kann die Grundlage für spätere seelische Krankheiten sein. Das Kind kann dann seine Persönlichkeit nicht frei entfalten. Es wird in seiner Entwicklung in der Regel durch negative äußere Einflüsse, seltener durch eigene, wie z.B. organische Schädigungen, gehemmt oder blockiert. Genauer: sein Selbstbereich wird nicht stark und frei. Als `Selbst´ definierten wir den unauswechselbaren individuellen Kern der Persönlichkeit.
Ich darf die Hauptcharakteristika des positiven Selbst noch einmal aufzählen: Es ist das Eigentliche und Existenzielle der Person. Es ist einzigartig und unauswechselbar. Es ist das Wichtigste. Es ist im Kern frei. Es hat etwas Absolutes, Heiliges an sich. Es ist ohne Vorbedingungen liebenswert (von Gott geliebt). Es ist an sich unzerstörbar. Es ist geschenkt (d.h. man hat es schon und muss es nicht erst erringen) und - es lebt von selbst! Es ist, so glaube ich, daraufhin angelegt. Dieses Selbst ist die Grundlage der Primärpersönlichkeit.
Jeder Mensch hat das Recht aus einem solchen Selbst heraus zu leben. Eine andere Lebensbasis bezeichne ich hier als Fremd-Selbst, `Es´, Komplexe o.ä. und die daraus resultierenden Persönlichkeitsanteile `Sekundärpersönlichkeit´.
Je mehr Eltern Relatives absolut nehmen, umso mehr wird diese Lebensbasis relativiert und geschwächt - dann haben sowohl Eltern und Kind das Gefühl, es gehe bei diesen an sich relativen Sachen um Alles oder Nichts, ums Absolute, um Sein oder Nicht-Sein. An sich nur relativ Richtiges und Gutes muss, wenn verabsolutiert, nun um jeden Preis erfüllt (s. a. Bewältigungsmechanismen) und an sich nur relativ Falsches oder Böses muss, wenn verabsolutiert, um jeden Preis vermieden und bekämpft werden (s. a. Abwehrmechanismen). Nicht selten steht missverstandene Liebe dahinter, wenn Eltern solche Einstellungen auf ihre Kinder übertragen. Sie wollen dem Kind Halt und Orientierung geben, stören aber dessen seelische Entwicklung, wenn sie Relatives absolut setzen, denn an sich ist das Selbst auf das eigentliche Absolute hin angelegt. Es braucht einen unbedingten Grund - so wie ein Samenkorn auf einen festen Grund hin angelegt ist, um sich frei entwickeln zu können. Das Selbst möchte nicht nur stark, frei und wertvoll sein, es will auch unauswechselbar sein - selbst sein, das sein, was es eigentlich ist (oder wozu es angelegt ist). D.h. jeder Mensch sehnt sich in der Tiefe nach dem Absoluten - er möchte um seiner selbst willen geliebt sein und sich auf der Basis einer solchen Liebe frei entfalten. Ich meine mit `freier Entfaltung´ nicht Orientierungslosigkeit. Das Kind soll sich schon in eine bestimmte Richtung hin entwickeln. Man könnte bildlich sagen: wie die Pflanze zum Licht, zur Sonne hin. Aber das ohne Enge. So wie die Sonne auch nicht nur am selben Fleck steht, sondern uns in weitem Bogen bescheint. Das Licht sind nicht immer die Eltern bzw. die Umwelt. Denn von allen Eltern, wie von jeder Person, gehen auch ungünstige Einflüsse aus: In allen Familien spielen meist unbewusste fixierte Geisteshaltungen, Tabus, eiserne, nicht zu hinterfragende Prinzipien, unausgesprochene Familienschwüre und -mythen u.ä. eine Rolle. Wer kennt nicht diese Sätze: „Jungen weinen nicht!”, „Lieb´ Kind gehorcht geschwind!”, „Den Eltern widerspricht man nicht!”, „Einer muss für den anderen einstehen!” und tausend andere, zum Teil auch ganz familienspezifische Festlegungen. Man kann sagen: Es spricht dann nicht die Liebe, sondern der Imperativ.
Die „Eltern“ stehen hier der Einfachheit halber für die wichtigsten Bezugspersonen des Kindes bzw. für die Umwelt überhaupt, deren Hauptrepräsentanten sie in der Regel sind. In Wirklichkeit ist das Kind natürlich vielfältigsten Einwirkungen ausgesetzt, so auch Traumatisierungen, mit den Eltern gar nichts zu tun haben müssen!
               

            Die Abb. zeigen, wie das Kind durch fehlverabsolutiertes Positives+ oder Negatives - hier von den Eltern - geprägt wird.
            Links habe ich konkrete Fehlverabsolutierungen genannt, die von den Kindern, teils vom Vater, teils von der Mutter übernommen wurden.
            (+  bzw.. − bedeutet + bzw.− Fehlverabsolutierung).
            Rechts sind diese FA-Übertragungen schematisiert dargestellt. Die entstandene Prägung ist wie ein Strichcode mit schwarzen (negativen), weißen (positiven)
            oder schwarz-weißen (ambivalenten) FA oder hier nicht eingezeichneten Defekten (Null). Es besteht eine Analogie zur genetischen Prägung.

Noch einmal das Beispiel: Stottern. Es ist leicht vorstellbar, wie jemand zum Stotterer wird. Meist handelt es sich um einen Summationseffekt verschiedener Faktoren, die in dieselbe Richtung gehen. (Hauptstoßrichtung etwa „sich sprachlich richtig darstellen müssen“ bzw. das Gegenteil unbedingt vermeiden). Etwa: „Du musst es unbedingt richtig sagen”, „Du darfst auf keinen Fall lügen”, „Du darfst mir nichts verschweigen, du musst alles sagen”, „Wenn du nicht gefragt wirst, hast du den Mund zu halten”, „Rede nicht drumherum, antworte gleich und schnell“, „Dein Bruder kann das doch auch sagen, warum du nicht.” „Wer nicht richtig reden kann, wird im Leben untergebuttert”, „Im Leben kommt es drauf an, der Schnellste und Beste zu sein und sich so auch darzustellen“, „Das Stottern ist Ausdruck von Schwäche oder schlechtem Gewissen, denn jemand der kein schlechtes Gewissen hat, kann alles frei heraus sagen”, „Herr X hat wieder eine fantastische Rede gehalten - was für ein toller Mann” - und viele ähnliche Aussagen und deren dahinterstehende Einstellungen! Sie zeigen auch alle mehr oder weniger deutlich Inversionen an.

Man kann sagen: Es spricht nicht die Liebe, sondern der Imperativ.[14]





Abb. Das in den Selbstbereich eingedrungene Relative bildet, als Fremd-Selbst, ein neues fremdes, gespaltenes Zentrum oder Basis, auf dem sich ein neues fremdes Ich (Fremd-Ich, hier gepunktet gezeichnet) etabliert, das das eigentliche Ich verdrängt.




  

Die Ausgangssituation ist häufig so, dass Eltern oder die Umgebung seelisch Kranker auch in Inversionen gefangen sind, d.h. wenig Freiheit haben und durch ungelöste Probleme überfordert sind. Ihr Weltbild ist oft eng, beängstigend und fixiert. Manche erscheinen nach außen stark und einige sind es auch, aber überfordern sich. Was ihnen meist fehlt, ist ein freies, eigentliches, absolutes Selbst, das imstande ist, ein schwaches, verängstigtes, fehlerhaftes (kurz „negatives”) Ich auszuhalten und zu schützen. Stattdessen muss man stark und gut sein und das schwache Ich wird aus falscher Angst und Scham versteckt. Für diese Eltern ist eine andere Welt als die eigene, eine, die größer, freier - und damit nicht „im Griff” ist - voll Gefahr. Und, um ehrlich zu sein, wem geht es als Eltern nicht mehr oder weniger so.
Es ist mit den seelischen Problemen in den Familien wie mit den Schulden: Familien/ Sippen, in denen seelische Krankheit auftaucht, haben gewöhnlich seelische „Schulden”. Meist werden ein oder mehrere Familienmitglieder die Schulden in Form von Krankheit bezahlen, andere bleiben gesund. Warum das so ist, sehen wir später. Fest steht: Es ist oft eine Frage von Glück oder Unglück, ob jemand krank wird oder nicht.
    Wie gesagt: Das Kind benötigt für seine normale psychische Entwicklung eine stabile Basis, einen unangreifbaren Kern, ein echtes gutes Absolutes und nicht etwas Relatives, nicht eins, das nur unter bestimmten Bedingungen oder nach bestimmten Vorleistungen gut ist, sondern eins, das unbedingt da ist, es liebt, schützt und orientiert. Ein solches Absolutes ist die möglichst vorbedingungslose Liebe beider Eltern.[15] Können diese eine solche Liebe ohne Vorbedingungen nicht geben - meist, weil sie auch keine vorbedingungslose Liebe bekamen und sich deshalb selbst auch nicht vorbedingungslos lieben konnten - oder wird sie nur von einem Elternteil gegeben, so ist die Entwicklung des Kindes gefährdet. Anders formuliert: Wie alle Menschen, so benötigen vor allem Kinder für ihre seelische Stabilität die oben genannten Absolutzusagen für ihr Selbst. Hat das Kind Pech, so ist sein gehemmtes, blockiertes, vielleicht auch verwöhntes Fremd-Selbst sogar in Gefahr unterzugehen, sich zu verlieren und zu sterben, wie der Samen, der auf Beton oder in den Sumpf gefallen ist.
Eine wesentliche Rolle spielen auch besondere Lebensumstände, Schicksalsschläge, Traumatisierungen, die in dem Kind, wenn der Selbst-Bereich nicht stark und geschützt genug ist, entsprechende −FA (meist unbedingt zu Vermeidendes oder zu Fürchtendes) erzeugen können. Es ist meist zu jung, um zu verstehen, was mit ihm passiert und kann deshalb nicht bewusst seinem (seelischen) Untergang gegensteuern. In dieser Gefahr tritt ein unbewusster Mechanismus ein, der es rettet, wenn auch, wie wir später sehen werden, um einen hohen Preis: Das Kind identifiziert sich mit dem Selbst seiner Eltern oder eines Elternteils. Es passt sich übermäßig an. Damit kommen wir zum zweiten Akt:

Überanpassung oder Feindschaft

    Um sein Selbst zu retten, überidentifiziert sich das Kind mit den Eltern. Es übernimmt deren Absolutheiten und damit deren Selbst. Es übernimmt vor allem das, was die Eltern für gut* und das, was sie für böse* halten[16]. Das, was unbedingt erfüllt und erreicht werden muss (das Gute*, die Ideale*) und das, was auf jeden Fall vermieden werden muss (das Böse*, das Tabuisierte*). Da von den Eltern Relatives verabsolutiert wurde, haben sowohl die Eltern als auch das Kind das Gefühl, es ginge statt um Relatives um Alles, ums Absolute, um Sein oder Nicht-Sein. Es steckt, wie gesagt, meist missverstandene Liebe dahinter, wenn Eltern diese Sicht mit entsprechendem Druck auf die Kinder übertragen, denn sie erscheint ihnen ja selbst absolut wichtig und wird von ihnen selbst unbedingt befolgt. Das Kind verinnerlicht diese Werte und unterwirft sich ihnen. Auch in der normalen Entwicklung passt sich natürlich das Kind an die Eltern an und identifiziert sich mit ihnen und ihrem Weltbild. Es hat aber dann die Freiheit, das, was nicht mit der eigenen Identität, mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen übereinstimmt, ohne Bestrafungen wieder abzulegen und das, was ihm selbst entspricht, zu übernehmen. Ja, Kinder oder der Jugendliche müssen, um zu sich selbst zu finden, ihre Eltern erst einmal prinzipiell, radikal und absolut infrage stellen, um dann in freier Selbstentscheidung das von ihnen zu übernehmen, was ihnen übernehmenswert erscheint und das nicht zu übernehmen, mit dem sie sich nicht identifizieren wollen.[17]
Dort jedoch, wo das Eltern-Selbst nicht mit dem eigenen Selbst übereinstimmt, dort wo es als Ich- bzw. Selbst fremd erlebt wird, entsteht ein zentraler, existenzieller Grundkonflikt im Kind, gegen den es machtlos ist. Die Schärfe dieses Konfliktes wird nur dann verständlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass es um absolut Genommenes geht, was meist alle Beteiligten so erleben. Das falsche Absolutgenommene aber ist dem Selbst fremd. Diese Fremdanteile liegen als ungelöste Komplexe wie ein Kuckucksei im Selbst und verdrängen die eigenen Anteile. Das Ich ist (an diesen Stellen) nicht Herr im eigenen Hause. Es muss sein Innerstes, sein Eigentliches mit Fremdem, vielleicht sogar Feindlichem teilen. Das ist der Preis, den das Kind unbewusst zahlt, um sein Selbst zu retten.
Andererseits hat das betroffene Kind von der Übernahme des Eltern-Selbst auch Vorteile: Das Kind kommt mit den Eltern oder der Umgebung nicht in Konflikt. Es kann sich auf die verinnerlichten Anteile und Werte stützen und findet Halt und Identität, wenn auch eine fremde und relative. Das Kind ist im goldenen Käfig gefangen. Es ist mit den Eltern - und fast immer für alle Beteiligten unbewusst - die Vereinbarung eingegangen, im Käfig zu bleiben, dafür aber geschützt zu werden. Es entsteht für das Kind eine Ersatzlösung, eine Notlösung nach dem Motto: Besser ein fremdes, relatives Selbst als gar kein Selbst.[18] Schon hier deutet sich, wie bei einem Vorspiel zu einem Drama, etwas an, was später, bei den seelischen Krankheiten immer wieder, wenn auch in verschiedensten Variationen zu finden ist: Die Spaltung und die Unterdrückung (Depression) des Selbst durch Fremd-Selbst-Anteile.

Fassen wir noch einmal zusammen: Durch Überanpassung und Übernahme fremder Anteile und Werte kann sich das kindliche Ich vor dem Untergang retten, erlangt Aufschub, gewinnt Zeit (bis es „die Sache” vielleicht einmal durchschaut), bezahlt aber den Preis der Selbstverfremdung, Spaltung und Bedrückung. Die Situation ist vergleichbar mit einem vom Untergang bedrohten Land, das fremde Hilfe holt, diese aber als Besatzungsmacht bleibt.[19] Es ist also auch ein innerer Dauerkonflikt entstanden, der sich übrigens später in der Krankheit, wenn meist auch nur indirekt und chiffriert, wiederfindet und unbewusst reinszeniert wird.
Durch die Unterordnung des Selbst unter die fremden Herrscher muss die Person für deren Hilfe Tribut oder für das `Darlehen´ der Eltern hohe Zinsen zahlen. Deren Hilfe ist nicht kostenlos. Das Kind muss sich dauernd anstrengen. Es muss permanent bestimmte Leistungen erbringen. Es muss sich permanent anpassen und etwas kompensieren. Es muss, wie gesagt, vor allem das, was als das Gute* angesehen wird, unbedingt erfüllen das, was als das Böse* und Feindliche* angesehen wird, unbedingt meiden und abwehren und schließlich die Leere der Eltern ausfüllen. Tut es das nicht, drohen Sanktionen. Es droht der Entzug der Hilfe, weil die Eltern durch ein prinzipielles Abweichen des Kindes dann selbst infrage gestellt würden. Dann aber wäre das Kind wieder vor der Entscheidung Sein oder Nichtsein. Also entscheidet es sich (unbewusst und zum Glück) für das kleinere Übel: das Fremdsein, das Ersatz-Dasein, das Schattendasein - wie man es auch nennen will. Obwohl die FA so teuer sind, muss das Kind sie schützen und aufrechterhalten, um nicht unterzugehen. Dafür muss es aber weiter Tribut zahlen.




Abb. zeigt, wie das Kind dem, was die Eltern für das Gute* oder das Böse* (Falsche*) halten, unterworfen wird und wie es die von den Eltern übernommene Ideale* erreichen, das Negative* abwehren und deren Leere füllen muss, um seelisch zu überleben.
Das bedeutet eine Dauerverausgabung, die so lange geleistet werden muss, solange die FA nicht relativiert sind und das kann viele Jahre dauern oder nie geschehen. Das Kind ist im „psychischen Bermuda-Dreieck“ gefangen.








Kindern wird so ihr erstrangiges Absolutes (=ASEEUPU
[20]) abgesprochen oder durch anderes ersetzt. Sie können so als Mittel zum Zweck, als Objekt, Ersatz o.ä. von den Eltern oder ihrer Umwelt missbraucht werden.
T. Moser dazu: „Viele Mütter brauchen gefügige Kinder, an denen das eigene innere Chaos gerade noch in Schach gehalten werden kann. Oder sie brauchen sie, um überhaupt ein Echo auf ihr sonst leeres Leben zu haben. Oder sie brauchen sie, um ihre geheime Selbstverachtung durch grandiose Zukunftsphantasien für das Kind zu heilen. Das Gefühlsleben des Kindes kippt dann um wie ein überdüngter See, der sich nicht mehr selbst regenerieren kann. Wer der Stolz seiner Eltern sein muss, weiß nie wirklich, ob er geliebt wird: es bleiben immer Bedingungen, oder, im schlimmeren Fall, eine schleichende Erpressung. Was dabei zustande kommt, nannte Winnicott ein `falsches Selbst´, das die oft unbewussten Erwartungen der Eltern zu seiner eigenen Substanz gemacht hat. Was das Kind wirklich ist, weiß dann niemand mehr. Um der Leere zu entgehen, denkt es sich oft Wunderdinge über sich aus, verliebt sich, um sich nicht zu hassen, in ein Traumbild von sich selbst, oder in das Traumbild, das die Eltern von ihm haben. Je wichtiger das Kind als Krücke für die Eltern ist, desto größer wird später die Angst, wenn es, in einer Beziehung oder in einer Therapie, sich vor die ersehnte und zugleich erschreckende Möglichkeit gestellt sieht, dass da einer fragt: Wer bist du eigentlich? Wer der Stolz der Eltern war durch dringlich erwartete Leistung oder `vorzeigbare Dressur´, kann nur immer mehr leisten oder sich immer besser anpassen, um Panik oder Depression zu vermeiden, wenn die äußere Anerkennung ausbleibt.“
[21]
Ähnlich hat es Karen Horney gesehen: „Ein Kind leidet an Urangst,... wenn es Eltern hat, deren eigene neurotische Konflikte sie daran hindern, dem Kind die Grundakzeptanz zu bieten, die für die Entwicklung seines autonomen Selbst notwendig ist. Während der frühen Lebensjahre, in denen das Kind die Eltern als allwissend und allmächtig erlebt, kann es angesichts elterlicher Missbilligung und Zurückweisung nur zu dem Schluss kommen, dass etwas an ihm schrecklich falsch ist. Um die Grundangst zu zerstreuen, um die Akzeptanz, Zustimmung und Liebe zu erlangen, die das Kind zum Überleben braucht, erkennt es, dass es etwas anderes werden muss; es kanalisiert seine Energien weg von der Verwirklichung seines realen Selbst, weg von seinem persönlichen Potenzial und entwickelt das Konstrukt eines idealisierten Selbstbildes - eine Möglichkeit, wie es werden muss, um zu überleben und der Urangst aus dem Weg zu gehen. Das idealisierte Selbstbild kann viele Formen annehmen, von denen alle dazu angelegt sind, mit einem primitiven Gefühl von Schlechtigkeit, Unzulänglichkeit oder dem Gefühl, es nicht wert zu sein, geliebt zu werden, fertig zu werden.“[22]
    Kinder haben i.d.R. keine Chance direkt gegen die negativen Auswirkungen der FA/Es der Umgebung zu rebellieren oder diese zu kompensieren. Im Gegenteil bestätigen sie innerlich deren Einstellungen, zumal diese oft nicht falsch, sondern „nur“ übertrieben und einseitig sind. Insofern glaubt das Kind oft, dass das Verhalten der Eltern richtig ist und das eigene Verhalten falsch, so dass es die aufkommenden negative Gefühle den Eltern gegenüber unterdrückt und glaubt, bestraft werden müssen. Deshalb gerät das Kind immer mehr in einen Teufelskreis, in dem das Auftreten einer Symptomatik die typische Notlösung darstellt.
Verschärft wird die Situation des Kindes, wenn es sich zusätzlich für die Probleme der Eltern verantwortlich fühlt. Das ist fast immer der Fall. Auch wenn das Kind nicht bewusst die Probleme der Eltern registriert oder sie gar benennen könnte, so hat es doch eine Ahnung davon und versucht, ihnen zu helfen und sich aufzuopfern. Es verhält sich dann wie ein(e) Vater/Mutter der eigenen Eltern oder eines Elternteils und ist in dieser Rolle natürlich maßlos überfordert, auch wenn diese Rolle nur unbewusst eingenommen wird (Parentifizierung). Die Betroffenen sind in schlimmen Fällen seelisch (eventuell auch körperlich) wie greisenhafte Kinderwesen - einerseits in der freien Entfaltung gehemmt, andererseits mit Problemen konfrontiert, die nicht einmal die erwachsenen Eltern lösten.
[23]
Das Kind erfährt im schlimmsten Fall, dass es nur dann Zuwendung und „Liebe“ bekommt, wenn es sein eigenes Selbst aufgibt. Das Kind wird sich verachten oder gar hassen und die Eltern zu sehr lieben, aber diese auch, insgeheim oder unbewusst, zu sehr hassen - und das aus nicht unberechtigten Schuldgefühlen, denn es hasst seine Eltern auch zu sehr und spürt, dass die Eltern wohl ebenso Gefangene des „Spiels“ sind wie es selbst und wird deshalb wieder versuchen, sie zu sehr zu lieben. Es ist ein Endlosspiel ohne Ausweg, niemand ist da, der den Ausweg kennt, der die Wahrheit weiß, der einen erlöst.
[24]

       


Die Abbildung zeigt, wie die elterlichen Ideale*, Tabus* und Leere das eigentliche Selbst
des Kindes überlagern und dadurch fremdbestimmen, aber auch stabilisieren,
da das kindliche Selbst von sich aus nicht genügend Stabilität hat.




   Wie gesagt, finden auch in der sogenannten normalen Entwicklung Überanpassungen statt, die von den Eltern aber nicht unbedingt gefordert werden. Ebenso gibt es in der normalen Entwicklung immer wieder Rebellionen, Aufstände, Trotzphasen gegen die Eltern, die für die Selbstfindung des Kindes sehr wichtig sind und, im günstigen Fall, von den Eltern gelassen hingenommen werden.
[25]
Zu keinen Störungen kommt es m.a.W., wenn das Kind die Geisteshaltung einer unbedingten Liebe der Eltern (oder anderer Personen) zu sich erfährt und so die o.g. FA-Forderungen, natürlich unbewusst, relativiert. Das Kind oder jede andere Person wird nicht nur durch die übergeordnete Liebe die FA abpuffern können, sondern sich aus einer sicheren Position mit ihnen auseinandersetzen. So fängt das Kind schon früh an, auch Lust oder Unlust nicht absolut zu setzen und so für das spätere Leben viel gewappneter zu sein.

„Die Unabhängigkeit eines Kindes ist für das wacklige Gleichgewicht einiger Eltern ein zu großes Risiko.“ [H. Green, S. 28]
Das wird umso mehr der Fall sein, je mehr ihr eigenes Selbst von irgendetwas abhängig ist. Dann beginnt eine starke Polarisierung der Gegensätze und ein Kampf gegeneinander, ein Entweder/Oder, ein Für-uns (mich) oder Gegen-uns (mich), ein Schwarz-oder-weiß-Denken und -Verhalten, eine Sieg-oder-Niederlagen- bzw. Freund-oder-Feind-Haltung. Das Kind verbeißt sich dann in die Eltern und diese in das Kind. Zusätzlich übertragen die Eltern, wie gesagt,  häufig ihre eigenen ungelösten Probleme auf das Kind, ein Elternteil geht eventuell mit dem Kind Koalitionen gegen das andere Elternteil ein, andere Familienmitglieder werden mit einbezogen usw. Es laufen Prozesse ab, die noch schwieriger und undurchschaubarer werden, weil sie den Betreffenden selber kaum oder nicht bewusst sind.
[26]
Wie es auch läuft: Das Selbst des Kindes bleibt meist unterdrückt und auch eine Feindschaft zu den Eltern führt nicht zu echter Unabhängigkeit, sondern die Abhängigkeit bleibt weiter bestehen, lediglich mit negativem Vorzeichen. Das heißt, es läuft auf dasselbe hinaus, ob das Kind nur tun muss, was die Eltern meinen oder ob es aus radikaler Opposition das Gegenteil tun muss. Die Eltern bleiben so oder so bestimmend. Allerdings ist mit der Phase der Rebellion, mag sie auch nicht zu echter Freiheit führen, ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan, der manchmal erst nach vielen Jahren, im schlimmsten Fall aber nie, stattfindet. Häufig wechseln Überanpassung und Trotz als die stärksten Formen einer zweitrangigen Abwehr (S.a.a.O.) immer wieder einander ab - ein Grundmuster, das sich bei dem Betreffenden auch in späteren Beziehungen wiederfindet - es sein denn, er kam zu einer tieferen Lösung. (S.a. Kapitel `System- und Beziehungsstörungen´).
Meist existieren überangepasste und gegengerichtete Fremd-Selbst-Anteile zugleich – quasi Pro- und Kontra- Fremd-Selbst-Anteile.[27] Man kann deshalb sagen: Wir sind dort, wo wir uns nicht von unseren Eltern abgenabelt haben, entweder wie sie (pro) und/ oder wie ihr Gegenteil (kontra) und/ oder auf Null gegangen.
Der Leser wird ahnen, wie der nächste Akt des Dramas weitergeht. Vielleicht, weil er es selber erlebt hat. Bei der obengenannten Grundkonstellation ist es meist eine Frage der Zeit, wann die Kräfte nicht mehr ausreichen, um den Dauertribut zu bezahlen. Das kann auch Jahre dauern. Dann kommt es zur Krise - und zu unserem nächsten Abschnitt.
Allerdings kann sich das Kind auch "totstellen" oder schon jetzt krank werden wie bein frühkindlichen Autismus.[28]

Krise und Erkrankung

                                                                „.... Jede dumpfe Umkehr der Welt hat
                                                                solche Enterbte, denen das Frühere nicht
                                                                und noch nicht das Nächste gehört...” R.M. Rilke, Duineser Elegien

    Ursache der Krise, ist der Konflikt zwischen dem eigentlichen Selbst des Betreffenden und den Fremd-Selbst-Anforderungen, der Konflikt zwischen den legitimen Wünschen des Selbst nach Selbstbestimmung und Selbstentwicklung und den entgegenstehenden Kräften. Diese fremden, entgegenstehenden Kräfte existieren einmal in Form der real existierenden Personen (meist Eltern), aber auch, und das ist für das Verständnis der Vorgänge wichtig, als verinnerlichte Anteile. Das heißt, die an sich fremden Anforderungen stellt derjenige zunehmend auch an sich selbst, weil er sie für seine eigenen hält. Die Anforderungen bestehen darin, die + FA (bzw. +Es) zu erfüllen und zu bewältigen bzw. andererseits die -FA (-Es) abzuwehren. Der Betreffende ist wie ein Schwimmer, der dauernd strampeln muss, um nicht unterzugehen, der aber auch nicht wagt, das rettende Boot (sein eigenes Selbst!) zu besteigen. Hauptkennzeichen dieser Forderungen sind die vielen äußeren aber auch inneren „Muss”. Hier wiederum die Grundforderung: Du musst so und so (gut) sein und darfst nicht so und so (böse) sein. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob das, was als gut angesehen wird, auch tatsächlich gut und das als böse Angesehene auch böse ist. Denn auch das wirklich Gute kann schlecht, zumindest aber zwiespältig geworden sein, wenn es erzwungen wurde. Und das tatsächlich Schlechte kann gut erlebt werden.

Gefahr des Verlustes des labilen seelischen Gleichgewichts durch weitere seelische Belastungen oder Schwächung der Person.
Die Breite der Basis, auf der sich das Gleichgewicht abspielt, entspricht der Kompensationskraft des Selbst.









Erlebnis einer schizophrenen Patientin:
Die „`Götter´ [+*] waren lachende, goldene Gestalten, wie Schutzengel ... Aber irgend etwas veränderte sich,
Yr verwandelte sich von einer Quelle der Schönheit und des Schutzes zu einer Quelle von Furcht und Leid [
*].
Allmählich wurde Deborah gezwungen, sie zu besänftigen und zu versöhnen, wenn sie von dem Königsthron eines hellen und tröstlichen Yr in das Gefängnis seiner dunkleren Orte gewirbelt wurde." [H.Green S. 52]

Meist kommt es zur Krise, wenn der Betroffene weiteren Anforderungen ausgesetzt wird. Das können größere Ereignisse (Eintritt ins Berufsleben, unglückliche Liebe, Todesfälle oder ähnliches) sein. Häufiger sind es jedoch kleinere Auslöser, die das ganze seelische System aus dem mühsam erhaltenen Gleichgewicht bringen. Dadurch kommt die Krise oft wie aus heiterem Himmel und lässt sich verstandesmäßig nicht erklären, zumal viel auch unbewusst ablief.

              

                   Die Abbildung soll die verschiedenen Phasen der Dynamik zwischen der Person (P) und ihren übergeordneten FA/Es zeigen.
                   Phase 1 zeigt links, wie die Person, obwohl sie sich den FA/Es unterworfen hat, mit diesen noch in einem „positiven“ Zusammenspiel ist: P erfüllt
                   die Anforderungen der FA und bekommt dadurch eine oft überstarke positive Rückkopplung (Anerkennung usw.).
                   Phase 2 in der Mitte, zeigt: Zu einer Verschlechterung kommt es, wenn die Anforderungen der FA zu groß werden und/oder die Person zu geschwächt ist,
                   die bisherigen Anforderungen zu erfüllen - entsprechend einem Missverhältnis zwischen seelischer Belastung und Belastbarkeit.
                   Der Betreffende wird nun bei Nichterfüllung von den FA/Es bestraft.
                   Phase 3 rechts soll die Doppelfunktion der Krankheit andeuten: Sie schützt einerseits P vor weiteren Überforderungen,
                   andererseits bleibt der Betreffende krank und die FA/ Es weiter bestehen.

Das System dekompensiert dann, wenn die Forderungen der FA (oder Es) die Kompensationskräfte des Ich überschreiten. Genauer: wenn die Anforderungen nicht mehr erfüllt bzw. die Bedrohungen nicht mehr abgewehrt werden können - also in dem Moment, wenn die Bewältigungs- und/ oder Abwehrkräfte des Betreffenden nicht mehr ausreichen. Aber auch dann, wenn die Person die FA-Forderungen nicht mehr erfüllen will - und so eine positive Krise provoziert.
In dieser Situation steht der Betreffende wieder an der alten Stelle der Kindheit: Er fühlt sich wieder existenziell bedroht, es geht wieder um Sein oder Nichtsein, um Selbst oder Nichtselbst. Die alte Notlösung hält nicht mehr. Vielleicht kann der helfenden, aber auslaugenden `Besatzungsmacht´ noch ein Aufschub, eine Umschuldungsvereinbarung oder Ähnliches abgerungen werden. Oft aber nicht. Dann nicht, wenn die Eltern (Umgebung) auch in einer Krise sind, weil sie ähnliche Konflikte in sich tragen, die sie auch nicht lösen konnten, weil sie wiederum Gefangene ihres eigenen Systems sind.
Man kann das entstandene Dilemma auch so formulieren: Einerseits brauchen wir unbedingt Liebe; Andererseits ist für uns aber die Liebe gefährlich, fast tödlich geworden, weil mit der elterlichen Liebe Vorbedingungen oder gar Ausbeutungen verbunden waren. Deshalb suchen viele Menschen Liebe, aber fürchten und meiden sie gleichzeitig. So bleibt der Betroffene im Dilemma stecken. Er bekam und hat nun selbst eine beängstigende, zerstörerische Liebe. Er gleicht dann einem Barfüßigen, der vom kalten Eis auf glühende Kohlen flüchtet und von dort wieder aufs Eis geht, aber nicht wagt sich seine Schuhe anzuziehen. Es kommt zu häufigen Reinszenierungen (in neuen Beziehungen), zu Wiederholungszwängen, solange, bis der Betreffende eine Lösung findet.[29] Der Betreffende muss wie unter einem Zwang herausfinden, ob er um seiner selbst willen geliebt wird oder nicht - d.h. er wird sich immer wieder den Idealen des (Familien)-Systems widersprechend verhalten, denn nur so erhält er eine Antwort auf seine Frage.
    Die Situation scheint ausweglos - aber der Betreffende ist ja auch älter geworden. Vielleicht gelingt ihm eine tiefergehende Lösung. Welche Lösungen aber stehen, außer dem genannten Aufschub noch zur Verfügung? Das werden wir in den Therapiekapiteln sehen. [30]

 

Psychosen

Die Psychosen können in organische Psychosen, Psychosen des schizophrenen Formenkreises und affektive Psychosen eingeteilt werden. In dieser Arbeit geht es nicht um organische Psychosen[31], sondern um affektive und schizophrene Psychosen.[32]
Bei den affektiven Psychosen unterscheidet man psychotische Depressionen und Manien (manisch-depressive Erkrankungen).
Die schizophrenen Psychosen oder die Schizophrenien behandele ich in dieser Arbeit ausführlicher (s. später).
Unter schizoaffektiven Psychosen versteht man solche, bei denen sich affektive und schizophrene Symptome mischen.
Diese Einteilungen sind ab einem bestimmten Punkt willkürlich - andererseits widerspiegeln sie bestimmte Grundmuster, die für die Behandlungen eine Rolle spielen. „Letztlich ist jede Psychose anders und immer in ihrer individuellen Besonderheit, im sozialen Zusammenhang und mit all ihren subjektiven Bedeutungen zu betrachten...  Jede schematische Betrachtung führt zu `standardisierter´ Behandlung. Die aber ist gerade bei Psychosen mit Sicherheit unangemessen. Psychose-Erfahrene spüren sehr genau und reagieren empfindlich, wenn man sie nicht als individuelle Person wahrnimmt und mit entsprechendem Respekt behandelt.“[33] Immer ist eine psychotische Erkrankung Ausdruck einer schweren existenziellen Krise, die jeden Menschen treffen kann. I.d.R. werden viele Faktoren, die individuell sehr unterschiedlich sein können, zusammenkommen müssen, um eine Psychose auszulösen. Aus meiner Sicht ist das „Rätsel um die Verursachung von Psychosen“ prinzipiell  nicht schwerer lösbar als das existenzieller Krisen überhaupt.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass jede (psychogene) Psychose heilbar ist.
Weiteres zur Verursachung siehe auch frühere Kapitel.
 Ich fasse meine Hypothesen zusammen: Psychosen sind i.d.R. Ausdruck der inneren Auseinandersetzung der Person zwischen dem seelisch Relativen und Absoluten.[34] Es liegen, wie bei allen psychogenen Krankheiten, zunächst zwei Grundbedingungen vor: Die Person hat Relatives verabsolutiert und als Fremd-Selbsts verinnerlicht und sie opfert sich für den Bestand dieser Fremd-Selbsts auf. Sie löst den entstandenen Konflikt zwischen dem Selbst und den Fremd-Selbsts auf eigene Kosten, also zuungunsten des Selbst bzw. des Ich-Selbst.
Für das Verständnis der Psychoseentstehung möchte ich an folgendes erinnern:
Die negativen Kräfte des verabsolutierten Relativen wirken auf das Ich vor allem:
1. überwiegend spaltend und Fehlerhaftes erzeugend
2. überwiegend unterdrückend und Mangelhaftes erzeugend.
Die vor allem spaltenden, fehlerhaften Kräfte fördern schizophrene, die unterdrückenden depressiven Symptome.
Diese willkürliche Einteilung existiert in Wirklichkeit nicht, sie stellt Akzentsetzungen dar. Dies entspricht der Symptomatologie dieser Krankheiten. Es gibt weder eine rein schizophrene noch eine rein depressive Symptomatik, sodass die Bezeichnung der schizo-affektiven Psychosen für Mischformen ihre Berechtigung hat.
Für das Verständnis der Psychosen ist wichtig, dass Spaltung und Depression sich im Wesentlichen aus der schon beschriebenen Grundposition der Fremd-Selbsts in der Person ergeben:[35]



        Grundkonstellation der Psychosen, durch den Aufbau eines Fremd-Selbst (FS) bedingt,
        das Spaltungen    (↓) und Unterdrückung ( Ⱶ ) hervorruft: Die Person ist im Kern in
        Fremd-Selbst und Selbst gespalten und das/die Fremd-Selbst(s) wiederum sind in sich
        in Pro-FA, Kontra-FA und F0 gespalten. Jedes FS wirkt so potenziell spaltend und deprimierend.

                                                                                                             


Wie schon a.a.O.[36] erwähnt, glaubte schon Jaspers, dass in der Aufstellung der beiden großen Krankheitsgruppen, manisch-depressive und schizophrene Psychose, ein „bleibender Wahrheitskern” stecke, da sich diese Einteilung, ganz im Gegensatz zu früheren Krankheitsbegriffen, im Prinzip durchgesetzt habe.[37] Ich glaube, dieser bleibende Wahrheitskern lässt sich durch die genannte Grundkonstellation und auch durch die genannten beiden prinzipiellen Formen des Negativen (Fehlerhaftes = Spaltung / Mangelhaftes = Depression) erklären.

Die beiden großen Psychosegruppen, Depression und Schizophrenie, lassen sich so als Folge von Verabsolutierungen der beiden Hauptformen des relativ Negativen, des Mangelhaften und des Fehlerhaften, verstehen.
Im Fall der schizophrenen Reaktionen gewinnen also insbesondere die Kräfte die Oberhand, die im Zentrum der Person mehr Fehlerhaftes, miteinander Unvereinbares, Widersprüchliches, Dilemmata, Doppelbindungen, Zwickmühlen, Paradoxien o.ä. erzeugen und dadurch die Person spalten, fragmentieren, zerreißen.
Im Fall der Depressionen entsteht durch den F0-Teil vor allem zentraler Mangel an erstrangiger Personalität - oder, im Fall der Manie, eher ein Zuviel (des `Guten´).
Nach S. Freud „bedeutete etwa die Geisteskrankheit eine Überwältigung des Ich durch das Es, die zum Bruch mit der Außenwelt führte, die Manie … eine Verschmelzung von Ich und Über-Ich, die Melancholie dagegen mit ihren Selbstvorwürfen eine Peinigung des Ich durch ein übermächtig gewordenes Über-Ich.“[38] Diese Ansicht korreliert durchaus mit dem hier vorgestellten Konzept.
Man könnte, ähnlich wie in der Mathematik, formulieren: Kann man eine Aufgabe nicht lösen, so kann das Ergebnis fehlerhaft (⟶ Schizophrenie) sein, es kann mangelhaft sein (⟶ Depression) oder es kann zu viel sein (Manie) oder man findet die beste Lösung - in unserem Fall über das +A.
    Zur Manifestation der Psychose kommt es, wenn die negativen Kräfte der Fremd-Selbsts stärker als die positiven Kräfte des eigentlichen Selbst und die anderer Fremd-Selbsts werden. (Zur Erinnerung: das FS hat ja als Relatives neben den negativen auch positive Kräfte). Es ist leicht vorstellbar und mit dem Verlust des körperlichen Gleichgewichts vergleichbar, wie ab einem bestimmten Punkt auch seelisches Gleichgewicht verloren gehen kann. Vergleicht man das Fremd-Selbst mit einer Krücke, die auch gleichzeitig behindert und stützt, so ähnelt der Kranke einer Person, die versucht, auf die behindernde Krücke zu verzichten, aber noch nicht fest genug auf den eigenen Beinen (Selbst) steht, das Gleichgewicht verliert und stürzt - also psychotisch wird. Wenn wir noch einmal zwischen einer progressiven und einer regressiven Psychose unterscheiden wollen, so wäre dies ein Beispiel für ein progressives Geschehen, denn der Patient versucht ja das Richtige. Eher regressiv wäre es, würde er vor lauter Selbstüberschätzung generell auf die Unterstützung durch eine  `Krücke´verzichten und deshalb fiele. Mir scheint dieser Vergleich des Fremd-Selbst mit einer Krücke auch hinsichtlich eines optimalen therapeutischen Umgangs gut: Es ist weder sinnvoll, dem Patienten solche Krücken unbedingt wegzunehmen, noch, sie länger als nötig zu belassen. Zurzeit scheint mir die letztere Gefahr die größere, weil viele Psychiater vordergründig auf das Ziel einer Symptomfreiheit fixiert sind und nicht sehen, dass dies bei zu großer Unterstützung (etwa zu viel oder zu lange Gabe von Medikamenten) mit einer Schwächung der Person erkauft wird.
Die Art der FA wird entscheidend dazu beitragen, ob eher schizophrene oder depressive (oder manische) Symptomatik entsteht.
So werden Fehlverabsolutierungen, die ein eher falsches und verfremdetes Selbst bilden, eher schizophrenogen und solche, die die Person eher in ein Defizit oder Unterdrückung bringen, eher depressiogen wirken.[39]
Ich verstehe unter Psychose eine Lebensform, in der das Relative über das eigentliche Absolute dominiert: Das Uneigentliche über das Eigentliche, die Spaltung über die Ganzheit, das Objekt über das Subjekt, das Nichtpersonale über das Personale, das Fremde über das Eigene, das Sekundäre über das Primäre, das Funktionale über das Lebendige, das Fremd-Selbst über das Selbst und die Fremd-Ichs über das eigentliche Ich.
Wie seelische Krankheiten insgesamt, so hat auch das Auftreten der psychotischen Symptome seine Vorteile. Sie entsprechen den genannten Vorteilen der Fremd-Selbsts. Zu wiederholen ist nochmals, dass psychotische Reaktionen im Rahmen von progressiven Entwicklungen der Persönlichkeit auftreten können, also keineswegs von vornherein nur negativ und unbedingt zu vermeidend gesehen werden sollten.
Wie erwähnt, werden die Fremd-Selbsts zu Selbstläufern. Da sie sich auch mehr oder weniger strukturieren, dinghaft und quasi personell werden, sind sie, anders als flüchtigere Phänomene, wie etwa einzelne Gedanken, von den aktuellen Lebenssituationen des Patienten teilweise abgekoppelt. Es liegt daher nahe, sie als Stoffwechselstörungen o.ä. aufzufassen und so zu behandeln. Dieses Denken ist nicht gerade falsch, aber zu vordergründig. Es hat für mich dieselbe Richtigkeit oder Falschheit wie etwa die Annahme, Impotenz sei eine Durchblutungs-, Stoffwechsel- oder Hormonstörung. Wir werden solche Parameter auch bei den Psychosen finden.[40] Und man wird, so glaube ich, wie bei der Impotenz, so auch bei den Psychosen, immer bessere Mittel finden, um die Störung zu beheben. Wenn man eine fast nebenwirkungsfreie Pille gegen Psychosen fände und damit das Problem gelöst schiene, wäre dies nicht ebenso, wie eine gute Pille gegen Impotenz. Warum eigentlich nicht? Ohne Zweifel wäre eine solche Pille besser, als das Leid ohne sie. Dennoch: Es ist und bleibt eine Notlösung. Die Impotenz oder die Psychose wären weg, die zugrunde liegenden Probleme aber nicht. Und irgendwo werden sie sich bemerkbar machen. Sie werden sich woanders hin verschieben. Von Irgendjemand und irgendwie werden die ungelösten Probleme dann bezahlt werden müssen. Ich bin von der prinzipiellen Überlegenheit ursächlicher Lösungen überzeugt. Sie werden nicht unbedingt die schnellen Effekte erzielen, wie die symptomatischen Lösungen, langfristig werden sie aber effektiver und auch preiswerter sein. Das gilt meines Erachtens für kausale Lösungen in der Medizin ebenso wie für solche Lösungen in der Gesellschaft überhaupt.[41]

Schizophrenie

Was ist Schizophrenie

    Nach der Zeitschrift DNP leiden weltweit 45 Millionen an Schizophrenie.[42] Laut WHO gilt sie als eine der teuersten Erkrankungen.
    Es ist schwer zu beschreiben, was die Schizophrenie ist, weil es die Schizophrenie nicht gibt.[43]
Was man unter der Gruppe der Schizophrenien zusammenfasst, ist zudem Vereinbarung. Es gibt internationale Gremien von Psychiatern, die bestimmte Symptome zusammengestellt haben, bei deren Auftreten man dann von einer Schizophrenie, sprechen kann. Es entspricht jedoch nicht der Würde des Menschen von einem „Hebephrenen" oder einem „Psychopathen" oder der „Simplex" usw. zu sprechen, wie es z.T. üblich ist, so, als machten diese negativen Symptome die ganze Persönlichkeit des Betroffenen aus. Wie sagte schon Karl Kraus: „Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Diagnose.“
    Doch was kann man unter `Schizophrenie ´verstehen? Worunter leiden die Betreffenden?
(Eine Übersicht über die häufigsten Symptome zeigen die Spalten `Schizophrenie´ der Übersichtstabelle .)
Offenbar haben Menschen schon seit Jahrtausenden an dem gelitten, was man heute `Schizophrenie´ nennt. Früher hatte man dafür andere Bezeichnungen. Anfang dieses Jahrhunderts hat der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler erkannt, dass manche psychisch Kranken erstaunlicherweise neben ganz normalen Gedanken ganz verrückte hatten, dass sie neben ganz normalen Empfindungen ganz fremde, unheimliche hatten, dass sie in sich nebeneinander sowohl seelisch Gesundes als auch seelisch Krankes trugen. Kurz, dass die Persönlichkeit des Betroffenen in sich gespalten ist. Er gab dieser Krankheit deshalb die Bezeichnung „Schizophrenie", was man mit `gespaltene Seele´ übersetzen kann. Insbesondere sahen er und die nachfolgenden Psychiater neben der Spaltung (Ambivalenz) der Gefühle, des Denkens, des Verhaltens, des Wollens zusätzlich ein Sich-Zurückziehen des Betreffenden von der Wirklichkeit mit einem Überwiegen seines Innenlebens (Autismus), einen damit zusammenhängenden fehlerhaften Selbst-‚ und Realitätsbezug, weiterhin Empfindungen, von anderen Menschen oder fremden, unheimlichen Mächten bedroht, beeinflusst und überwältigt zu werden; zerfahrenes, unzusammenhängendes Denken und Reden und das Auftreten von Wahngedanken. Sonst: das Auftreten von Wahrnehmungsstörungen, insbesondere von Halluzinationen, das heißt, der Betroffene hört, riecht, schmeckt, fühlt oder sieht etwas, was für die anderen Menschen nicht da ist, ja er hört oft Stimmen, die ihn meist beschimpfen, ihm Befehle geben, ihn bedrohen usw.
Manche Patienten verhalten sich sehr auffällig: sie geraten möglicherweise in schwere Erregungszustände, sie führen ganz bizarre, eigenartige Bewegungen aus oder wiederholen dauernd dieselben Worte oder Sätze (Stereotypien), wobei diese meist völlig sinnlos, fremd und neuartig erscheinen, so dass man den Eindruck hat, der Betreffende spräche eine fremde oder verfremdete Sprache (Neologismen); andere haften immer wieder an einem bestimmten Wort, Gedanken, Situationen, nehmen manches ganz wörtlich (wie etwa Sprichworte oder symbolische Vergleiche) oder haben gedankliche Höhenflüge, phantastische Ideen, erscheinen von der Realität ganz abgehoben, machen geheimnisvolle Andeutungen, zeichnen oder sprechen in Symbolen. Manche Kranke fühlen sich wie entseelte Automaten, wie reflexhaft reagierend, wie aufgezogene Puppen oder Marionetten oder sehen ihre Mitmenschen so; Einige erleben die Zeit völlig verändert: dahin rasend oder endlos gedehnt oder völlig aufgehoben. Viele erleben ihre Umgebung bedrohlich und unheimlich und sehen sich ihr völlig hilflos ausgeliefert, widerstandsunfähig, wie offen liegend, nackt, leicht angreifbar‚ ein andermal als übermächtig, durch nichts zu beeinträchtigen usw. Man könnte die Reihe der möglichen Krankheitssymptome und Beschwerden noch fortsetzen. Es gibt eine Vielzahl von Beschreibungen des Erlebens schizophrener Menschen. Am eindrücklichsten fand ich folgende Berichte‚ einmal von Hannah Green: "Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen", zum anderen von Marguerite Sechehaye: "Tagebuch einer Schizophrenen", wo in viel eindrücklicherer Art und Weise, als ich dies hier getan habe, die Erlebnisse, Gefühle und Gedanken von Menschen geschildert werden, die selbst von dieser Krankheit betroffen waren, aber geheilt wurden.
    Immer wieder kommt in diesen oder ähnlichen Berichten zum Ausdruck, in welch´ erschütterndem Ausmaß die Betreffenden einen festen Halt verloren haben; besser: wie sie von etwas, das ihnen festen Halt und Geborgenheit geben könnte, weg-gerückt und so im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückt sind, wie sie an dieser Gespaltenheit zwischen Noch-an-der-richtigen-Stelle-Sein und gleichzeitig Verrückt-Sein leiden, wie sie sich verzweifelt bemühen, nicht unterzugehen, nicht abzuheben, sich nicht zu spalten (oder zu implodieren), nicht mit jemand oder etwas zu verschmelzen, nicht von jenen fremden, unheimlichen Mächten überrollt zu werden, gleichzeitig aber auch zu empfinden, dass nicht nur der Bereich der Phantasie und der Gedanken unheimlich ist, sondern ebenso die jetzt kalt und grau gewordene Realität, ja, dass beides nicht mehr auseinander zu halten ist. Man ist nicht mehr man selber. Man ist es und ist es doch nicht. Man ist gleichzeitig der Eine und ein Anderer, wobei das eigentliche Ich kaum oder nicht mehr wahrgenommen wird, so schwach oder so klein kann es sein. So etwa lautet die „Grundformel" des Schizophrenen, die an den Kern seiner Persönlichkeit, ja an seine Existenz überhaupt, geht.
Es ist ein Irrtum zu glauben, alle die oben genannten Symptome müssten oder könnten zusammen auftreten, wenn man von Schizophrenie spricht. Die Psychiater verschiedener Länder haben sich, wie gesagt, auf zum Teil unterschiedliche Kriterien geeinigt, bei deren Auftreten von einer Schizophrenie gesprochen wird. Das hat den Vorteil, dass man Krankheitsverläufe miteinander vergleichen und Gesetzmäßigkeiten erforschen kann. Gelingt dies, dann lassen sich auch Vergleiche mit verschiedenen Therapieformen durchführen, was wiederum dem Betroffenen zugute kommt.
Leider stößt ein solches Vorgehen im Bereich der seelischen Krankheiten schneller als in anderen Wissenschaften an Grenzen. Die Gründe dafür habe ich a.a.O. schon genannt. Hier sei nur gesagt, dass man zwar mit gewisser Berechtigung auch bestimmte Untergruppen der Schizophrenien unterscheidet, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Krankheitsbildern aber meist zu verschwommen sind, um die Symptome eines Patienten dieser oder jener Untergruppe zuzuordnen. Ja es ist oft unmöglich festzulegen, nenne ich dieses Symptombild, das der Patient `bietet´, überhaupt schizophren oder bezeichne ich es anders. Weil die Verhältnisse oft so unklar sind, verzichten manche Psychiater sowohl auf eine weitere Unterteilung der Schizophrenie als auch auf eine klare Abgrenzung zu anderen schweren seelischen Krankheiten, sondern beschreiben in ihrer Diagnose vor allem die aufgetretene Symptomatik oder bezeichnen nicht sicher zuzuordnenden Symptome z.B. als Grenzfälle („Borderline"), als „schizophrene Episoden", als „psychogene Ausnahmezustände", als „psychogene Psychosen", als „schizoaffektive Erkrankungen" usw., wobei die Bezeichnung, wie gesagt, insbesondere nach den Erscheinungsbildern erfolgt, die im Vordergrund stehen. Andere Psychiater kennen solche beschreibenden Unterscheidungen nicht, sie haben Angst, bei einem solchen Vorgehen könnten alle Krankheitsbegriffe zu verschwommen werden und gefundene Gesetzmäßigkeiten bei dieser oder jener Schizophrenieform zum Nachteil für den Patienten unbeachtet bleiben. Die Gruppe der Psychiater, die demgegenüber mit nicht so festen und scharf umrissenen Krankheitsbegriffen arbeitet, treibt eher die Sorge, psychiatrische Krankheiten könnten wie eine Art Infektionskrankheiten oder ähnliches missverstanden werden‚ so etwa, als würde eine `paranoid-halluzinatorische Schizophrenie´ wie ein Virus den Patienten befallen, ohne dass die Krankheit mit seiner Lebensgeschichte, mit seinen Empfindungen, mit seinen Beziehungen usw. in Zusammenhang gebracht würde. Eine solche Sicht, so befürchten diese Psychiater, könnte den Patienten auch dazu verleiten, die Krankheit wie ein schicksalhaftes, unbeeinflussbares Geschehen passiv hinzunehmen. Beide Seiten haben berechtigte Argumente. Meines Erachtens stimmen sie in der Auffassung überein, schizophrene Symptome mit gewisser Eigengesetzlichkeit zu sehen, die jedoch mit dem Leben, der Persönlichkeit des Betreffenden, ja mit der gesamten Umgebung zu tun haben.
Diese gewisse Eigengesetzlichkeit der Symptome lässt bis zu einem gewissen Grad Einteilungen in Krankheitsbegriffe, Forschungen, Prognosen und bewährte Therapieschemata zu. Das Wissen hingegen, dass wir es nicht mit einer Art Infektion oder primären Stoffwechselstörung, sondern mit etwas, was mit der betreffenden Persönlichkeit, mit seinem Leben, mit seiner Umgebung zu tun hat, eröffnet auch Möglichkeiten der aktiven Beeinflussung von verschiedenen Seiten. Darauf werden wir später noch zurückkommen. Der Vollständigkeit halber seien noch einige `schulpsychiatrische´ Daten aufgeführt. Die oben genannten Psychiater, die die Schizophrenien in `Untergruppen´ weiter unterteilen, unterscheiden noch eine sogenannte katatone Form der Schizophrenie ("Katatonie"), bei der meist auffällige Bewegungen, motorische Erregtheit oder auch völlige Bewegungsstarre das Krankheitsbild beherrschen; weiter die sogenannte paranoid-halluzinatorische Form, bei der Wahngedanken und Halluzinationen im Vordergrund stehen; die sogenannte hebephrene Form, meist in der Jugend beginnend, mit Überwiegen von zerfahrenem Denken und Reden auch oft begleitet von Wahngedanken und Halluzinationen; schließlich noch eine Form: "Schizophrenia simplex" genannt, bei der die Patienten weniger auffällige Krankheitssymptome zeigen, als vielmehr unerklärlicherweise immer weniger Interesse und Aktivität haben und möglicherweise allmählich "versanden", wie der schreckliche psychiatrische Fachbegriff heißt. Noch einmal muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass diese Erkrankungen von anderer Art als beispielsweise die Infektionskrankheiten oder ähnliche sind, auch wenn die lateinischen Bezeichnungen den Eindruck erwecken, als handele es sich um ein vom Leben des Betreffenden weitgehendunabhängiges Geschehen. Schizophrene Symptome treten am häufigsten zwischen dem 17. bis 45. Lebensjahr auf. Auch ohne Behandlung haben etwa ein Viertel bis ein Drittel der Betroffenen nur einmal eine zeitlang schizophrene Symptome, dann nie wieder. Bei etwas mehr als einem Drittel bis zur Hälfte der Patienten kommt es zu mehr als einem, häufig zu mehreren "Schüben", das heißt zu einem oder wiederholten Auftreten schizophrener Zeichen über einen Zeitraum von Tagen oder Wochen (selten Monaten und länger). Schließlich lassen sich bei etwa einem Viertel aller Patienten schizophrene Symptome, wenn oft nur in diskreter Weise, vor allem als sogenannte Minussymptomatik (Antriebsarmut, Interesselosigkeit, sozialer Rückzug etc.) finden. Nicht selten kehren sehr plötzliche und auffällige Krankheitsphasen nie wieder, während schleichend beginnende Symptome oft länger anhalten. Das sind grobe Anhaltspunkte.
(Eine Auflistung aller möglichen schizophrenen Symptome findet sich in der Übersichtstabelle in den Spalten T, U und V )
Wir wollen uns nicht weiter mit der näheren Beschreibung der Symptome beschäftigen, da dies nicht Hauptanliegen dieser Arbeit ist, sondern uns jetzt mit den möglichen Ursachen dieser Krankheitsgruppe beschäftigen, um danach zu besprechen, welche Schritte, insbesondere vom Betroffene selbst, gegen die Schizophrenie unternommen werden können.[44]

  Eine neue psychodynamische Theorie der Schizophrenie

Inversionen als Hauptursache

Aber wir können keinen adäquaten Bericht über die existenziellen Spaltungen geben,
wenn wir nicht von dem Konzept eines einheitlichen Ganzen ausgehen...” R.D. Laing
[45]

„Alles Übel ist… isolierend, es ist das Prinzip der Trennung.“ Novalis

Hypothesen:
• Jede Inversion kann schizophrene Symptome hervorrufen. D.h. alle FA wirken potenziell schizophrenogen.
[46]
• Jedes zweitrangige System, so auch P², hat latente oder gar manifeste schizophrene Charakteristika (z.B. ist mehr oder weniger gespalten).
• Man kann gut die bekanntesten Theorien über die Verursachung von schizophrenen Psychosen in das vorliegende Konzept integrieren. (Dazu später mehr).

Zur Haupthypothese: `Jede Inversion kann schizophrene Symptome hervorrufen´ muss ich die Leser bitten, die `
Übersichtstabelle´ anzusehen, die Sie entweder im Netz oder im Anhang oder als PDF-Datei unter diesem Namen finden. Zum Verständnis der `Übersichtstabelle´ siehe die Erklärungen dazu dort.
    Für das Verständnis der Entstehung dieser Störungen ist außerdem der Abschnitt `Streuung und Verdichtung´ wichtig. Ich möchte ganz Wesentliches dazu hier noch einmal wiederholen: Dringt ein Relatives in den Absolutbereich einer Person ein, so hat das entstehende FA bzw. Es nicht nur in dem Bereich Auswirkungen, der verabsolutiert wurde, sondern als neues Absolutes hat es auch Auswirkungen auf alle anderen Aspekte in seinem Einflussbereich. Ich verweise auf entsprechende Beispiele im oben genannten und in den folgenden Abschnitten.
Es bestehen auch entsprechende Parallelen zu anderen Symptomen. Wenn fast alles (wenn auch mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit) einen Menschen ängstlich oder depressiv oder auch süchtig machen kann, warum sollten nicht auch die Ursachen für schizophrene Symptome ebenso mannigfaltig sein?
[47]
Ich sehe allerdings demgegenüber folgende Spezifika bezüglich schizophrener Symptome:
• Der Betroffene nimmt/ erlebt die Ursachen und Folgen absolut.
• `Schizophrenie´ (als Sammelbegriff) erfasst v.a. die geistig-seelische Dimension des Menschen über mehr oder weniger alle Aspekte hinweg.
     Nicht alle FA/Es wirken gleich schizophrenogen, sondern vor allem:
• verfremdete, („verrückte“) FA/Es (die in der
Übersichtstabelle i.d.R. je Zelle in der mittleren Zeile stehen) - also weniger FA/Es mit Alles-oder-Nichts-Charakter (= hyper oder 0), sondern FA/Es, die gegenüber dem ursprünglichen eigentlichen Relativen, das verabsolutiert wurde, eine ganz andere („verrückte“) und widersprüchliche Bedeutung bekommen haben. Anders gesagt: schizophrenogen werden v.a. die FA/Es wirken, die eine ganz andere oder gar gegenteilige Bedeutung haben als das ursprüngliche Relative, das verabsolutiert wurde (so etwa, wenn relativ Positives negativ verabsolutiert wurde und umgedreht).
• Es fehlt den Betroffenen eine Metaposition, die diese Widersprüche relativiert. Deshalb ist kein Überstieg, kein Entrinnen, keine Lösung der Widersprüche
möglich.
• Diese FA/Es-Wirkungen sind stärker als erstrangige (oder auch zweitrangige) kompensatorische Kräfte.
• I.d.R. ist die Umgebung meist in dieselben oder ähnliche Widersprüche verstrickt, die sich dann übertragen können. Betroffene Kinder etwa erleben ihre Umgebung, v.a. ihre Eltern, mit zweitrangigen Eigenschaften (entsprechend den Eigenschaften der FA/Es), wie sie in der
Übersichtstabelle in den Spalten I und K aufgelistet sind.
• Die schizophrenogen FA/Es müssen über ein längeren Zeitraum wirken, sodass sich die ursprünglich verabsolutierte geistige Position materialisiert hat und zum Selbstläufer geworden ist. Die Störungen sind deshalb nicht mehr kurzfristig reversibel.
Diese Spezifika würden erklären, warum trotz ubiquitärem Vorkommen von Inversionen schizophrene und keine anderen Symptome entstehen.
[48]
    Sehen denn die betroffenen Familien o.ä. Systeme, die in solche Widersprüche und Paradoxien verstrickt sind, die Welt so falsch?
Sehen es denn die richtiger, die uns sagen, die Welt sei gesetzmäßig, eindeutig und logisch aufgebaut. Es sei doch alles ganz klar und nicht widersprüchlich. Unsere betroffenen Familien oder Patienten sehen jedenfalls die Welt realistischer, wenn sie diese voller Gegensätze sehen. Ihr „Fehler“ ist nur, dass sie diese nicht relativ, sondern absolut nehmen.

   
Zur Verursachung der schizophrenen Reaktionen verweise ich auch auf die Ausführungen am Anfang des Teils `Psychiatrie´.
Die Ursache für die Schizophrenie gibt es nicht. Die Ursachen für diese Reaktionen sind so vielfältig wie die Individuen, die sie treffen.
[49] Manfred Bleuler resümiert: „Jahrzehntelanger Forschung ist es nicht gelungen, eine einzige und spezifische Ursache schizophrener Störungen nachzuweisen. Heute sind wir für den Gedanken bereit, dass es eine solche vielleicht gar nicht gibt. Vielmehr ist deutlich geworden, wie mannigfaltige Disharmonien, die sich bei der Persönlichkeitsentwicklung störend geltend machen, die Prädisposition zu schizophrenen Erkrankung bilden.”[50]
Ich habe versucht, das Gemeinsame der Schizophrenieursachen im Modell plausibel zu machen. Es kann uns theoretisch wohl alles verrückt machen oder spalten, wenn es nicht mehr relativ, sondern absolut genommen wird, und ich habe versucht, unter dem Begriff des Fremd-Selbst (bzw. der FA) verschiedenste solcher verabsolutierter Formen mit ihren Hauptfolgen darzustellen. Mir scheint, dass in diesem Modell die meisten der zahlreichen Entstehungstheorien schizophrener Reaktionen Platz haben.
[51] Man sollte sie jedoch nicht alternativ, sondern ergänzend sehen. D.h. an der Vielzahl der Hypothesen, wie Psychosen entstehen können, ist überall etwas dran.[52] Neu und wichtig für Verständnis und Therapie der Psychosen scheint mir aber die Berücksichtigung der Störungen des personalen Absolutbereichs (des Selbst). Denn solange die Verursachungen vom Betroffenen nur relativ genommen werden, scheint mir eine seelische Krankheit, insbesondere eine Psychose, nicht manifest werden zu können. Hält man sich die riesige integrative Kraft des +Selbst (bzw. des +A) vor Augen, die den Menschen in jeder Lebenslage mit sich identisch, wert und frei sein lässt, so müsste diese Basis wohl auch die stärkste Kraft gegen jede Art von Psychosen sein. Demgegenüber sollte man ideologiefundierten Modellen und Therapiestrategien gegenüber vorsichtig sein, denn sie machen im Grunde das, was der Kranke schon mit sich selber macht oder machen lässt - sie stellen neue Vorbedingungen für sein Selbstsein auf.

Tabelle Beispiel: Zur Genese von Fusion und Spaltungen
       

Die Tabelle zeigt einen gekürzten Ausschnitt aus der Übersichtstabelle , der Spaltungs- und Verschmelzungssymptome erklären soll.
In der ersten Spalte sehen wir eine Auswahl von bekannten Ideologien, dann eine Spalte von möglichen individuellen Einstellungen, die etwa diesen Ideologien entsprechen. Alle Einstellungen wirken invertierend und haben je eine direkte Wirkung (Hauptstoßrichtung) streuen aber auch über alle anderen Aspekte. In diesem Beispiel gehe ich von einer Inversion im Aspekt a4 aus, die vor allem in diesem Aspekt wirkt (Hauptstoßrichtung) daneben aber auch Störungen in allen anderen Aspekten hervorrufen kann. D.h. dass etwa gesellschaftliche oder individuelle  `monistische´ oder `dualistische´ Einstellungen (wie Alles-oder Nichts-, Freund-oder Feind-Einstellungen u.ä.) nicht nur zu einer Störung von Einheit und Vielfalt, sondern auch zu Störungen der Identität, Realität, Sicherheit, Freiheit usw. führen.

Ebenso können Inversionen in anderen Aspekten ebenfalls die genannten schizophrenen Symptome mitverursachen (Siehe Verdichtungen). In unserem Beispiel führen sie zu Störungen im Aspekt a4.
D.h. dass nicht nur die Inversion von Einheit und Vielfalt, sondern auch Inversionen in den anderen Aspekten zu Störungen der Einheit und Vielfalt und entsprechenden Funktions- und Qualitätsstörungen führen können.
Im Einzelnen: zu Störungen der personalen Einheit und Vielfalt (Spalte T), zu Funktionsstörungen wie Verschmelzungen, Spaltungen (Spalte U) oder Qualitätsstörungen (Spalte V) wie Autistisches, Ambivalentes, Gespaltenes und Widersprüchliches.
[53] [54]

Schizophrene Symptome und ihre Bedeutung

Einst kam eine Schlange in mein Herz
Mit zwei Häuptern, einem schwarzen und einem weißen.
Und jedes Haupt sprach das Gegenteil des anderen.
Beide sagten die Wahrheit -
Doch die Mitte ihres Wortes war Lüge.

Allgemeines zu Spaltungen (z.T. Wiederholung)

Hier einige Stichworte:
Ein `echtes´, eigentliches Ganzes/ Einheit kann nicht gespalten sein. (Siehe auch Motto von R.D. Laing oben).
Ist das Subjekt mit dem +A verbunden, das alle Objekte, auch die negativen integrieren kann, dann kann es auch zu keiner dauerhaften Subjekt-Objekt- oder anderen Spaltungen kommen.
Schizophrenie ist seelischer Zusammen-Bruch. Zusammenbruch besteht aus zwei Teilen: Zusammen- (Fusion
[55], Kompression) / Bruch (Spaltung).
Durch Inversionen werden unsere Seelen u.a. spaltbar und fusionierbar.
Spaltungsphänomene finden sich bei vielen Erkrankungen: Neben Schizophrenie vor allem bei dissoziativen Identitätsstörungen oder multiplen Persönlichkeitsstörungen.
Wir haben aber auch bei der Anorexia nervosa bzw. Bulimie ausgeprägte Spaltungsphänomene gesehen.
DD Spaltung betrifft den Absolutbereich der Person - Folge eines unbedingt erlebten Gegensatzes. Im Relativbereich spreche ich nur von Differenzen, Divergenzen oder von Polaritäten.
Zu Doppelbindung / „Doppelspaltung“ (siehe später).
[56]
Im Folgenden bespreche ich v.a. Spaltungs- und Fusionsphänomene, die
beispielhaft auch für andere Symptome stehen.

Spaltungsbereiche

Inversionen können Spaltungen in allen Aspekten erzeugen. Man kann unterscheiden:
A. Die Spaltungen der Dimensionen.
B. Die Spaltungen der Differenzierungen (hier z.B. Subjekt-Objekt-Spaltung, Materie-Geist-Spaltung oder Geist-Körper-Spaltung oder Spaltungen zwischen verschiedenen Wirklichkeiten und Personen usw.).

zu A)
1. Spaltungsbereich: die absolute Spaltung zwischen +A und −A.
2. Die Spaltung zwischen A und Es bzw. zwischen Selbst und Fremd-Selbst.
3. Die Spaltung innerhalb eines Es in seine Teile Pro- FA, Kontra-FA und F0.
4. Die Spaltung innerhalb eines Es-Teils in eine seiner drei Seiten (+/ −/ 0).
5. Spaltungen zwischen verschiedenen FA/ FS.

zu 1. Die Spaltung zwischen +A und −A halte ich für die einzige absolute Spaltung. Daran kann man aber, wie an die Existenz beider, nur glauben.
[57]

zu 2. Spaltungsbereich: Auf die Person bezogen geht die Spaltung zwischen dem Selbst und dem(n) Fremd-Selbst(s)[58] hindurch. Der Betreffende erlebt einen Gegensatz, eine Spaltung zwischen seinem eigentlichen Selbst und dem(n) Fremd-Selbst(s). Dieser Gegensatz ist an sich nicht absolut, da Selbst und Fremd-Selbst zum Teil übereinstimmen, er wird aber absolut erlebt. Durch die Fremd-Selbsts wird die Person entindividualisiert. Das Individuum (wörtlich: das Unteilbare) wird teilbar!
Der 3. Spaltungsbereich besteht in den Gegensätzen des Fremd-Selbst selber, also in der Spaltung in Pro-FS, Kontra-FS und 0S (bzw. +FA, −FA und F0; z.B. Ideal*, Tabu* und 0).

Selbst

Es bzw.
Fremd-Selbst (FS)

Pro-FS

Kontra-FS

0-FS



Dieses Schema zeigt noch einmal die Spaltung zwischen Selbst und Fremd-Selbst, dann,
 wie das Fremd-Selbst bzw. das Es weiter in drei Teile gespalten ist.
Ich verweise auch auf das Kapitel `Arten der Es´ im Teil `Metapsychiatrie´. Dort beschreibe ich den Aufbau des Es in zwei bzw. drei gegensätzliche, aber miteinander verkettete Teile, die die Grundlage für Spaltungs- und Fusionsphänomene bei verschiedenen Krankheiten sind.



Ich erinnere: Alles Relative hat zwei oder mehrere Seiten. Es hat zwei oder mehrere unterschiedliche, sich relativ widersprechende Seiten. Es hat insbesondere eine relativ positive und negative Seite. Wichtig für das Verständnis schizophrener Reaktion ist die Tatsache, dass diese unterschiedlichen Seiten normalerweise nur unterschiedlich, aber nicht unvereinbar sind. Gewinnen sie aber für die Person absolute Bedeutung, so entsteht eine ganz andere Situation. Insbesondere wird das zuvor nur relativ Unterschiedliche nun absolut unterschiedlich, also miteinander unvereinbar erlebt. Die vorher nur relativen Widersprüche werden nun absolut empfunden - sie werden subjektiv zu unüberbrückbaren Widersprüchen und sich ausschließenden Gegensätzen. Kurz: Das Relative ist nur unterschiedlich, das verabsolutierte Relative aber ist gespalten. Die Spaltung ist umso stärker, je mehr das relativ Falsche verabsolutiert wird, denn zwar ist alles Relative* gespalten, aber das relativ Falsche mehr als das relativ Richtige. Gleichzeitig wird jeder Anteil des Relativen absolut und unbedingt erlebt.
Die 4. Spaltungsmöglichkeit entsteht dann, wenn eine der drei Seiten eines FS einer anderen konträr gegenübersteht. (Das wäre etwa der Fall, wenn die Vor- und Nachteile eines verabsolutierten Besitzes gleich groß wären).
Ein 5. Spaltungsbereich entsteht, wenn zwei oder mehrere Fremd-Selbsts sich konträr gegenüber stehen. Die FS konkurrieren nicht nur mit dem Selbst, sondern auch untereinander um die Vorherrschaft im Inneren.

Alle diese Spaltungsmöglichkeiten bestehen sowohl innerhalb einer Person als auch gegenüber ihrer Umwelt.

Wir alle leben in einer mehr oder weniger gespaltenen Welt und wer die Spaltungen dieser Welt aufnimmt, ohne sie zu verarbeiten oder integrieren zu können oder auf andere Notlösungen zu gehen, wird selbst gespalten.
Alles, was in den Kern der Person kommt und nicht Selbst ist, zerfällt, zerbricht, führt so zu Spaltungen der Person.
Ps. Es gibt direkte Parallelen zwischen den Paradoxien und der Schizophrenie: in der Verursachung, in ihrem Charakter, in ihrer Auflösung.

Zur Subjekt-Objekt-Spaltung

Formel: WPI [Subjekt¹] ⟶ AR¹ [Objekt¹] ⟶ Es [nf Subjekt²] ⟶ WPI [Objekt²] ⟶ WPI² [„Sobjekt“].
Die Reihenfolge zeigt, wie WPI von der Subjektrolle in die Objektrolle kommen kann - in eine Objektrolle, in der es nicht mehr als primäres Subjekt fungieren kann und in ein zweitrangiges Subjekt und Objekt zugleich gespalten ist.

Gegensätze  bei Schizophrenien und ihre Dynamik

Hier am Beispiel der Spaltungsphänomene und Fusionen, stellvertretend  für alle anderen gegensätzlichen Phänomene.

Wie allgemeinen bei der Dynamik der zweitrangigen  Wirklichkeiten beschrieben, sind Gegensätze voneinander abhängig und haben eine besondere Dynamik: Ein Teil erzeugt  sein Gegenteile oder bekämpft es, beides verbunden mit Verlust erstrangiger Wirklichkeit.
 
(Siehe auch „Die Beziehungen der Es-Teile zueinander und in  personalen Interaktionsmöglichkeiten´ in `Metapsychiatrie´).

Dasselbe finden wir auch bei der Schizophrenie.

Genauer: Wie in den zweitrangigen Wirklichkeiten so geht auch bei der Schizophrenie durch die Es/fA-Komplexe die ursprüngliche Einheit, die Verbindung zwischen A und R, zwischen Geist und Materie, zwischen Person und Ding, Subjekt und Objekt, aber auch zwischen verschiedenen Personen verloren. Ja sie geht auch zwischen einzelnen relativen Einheiten, also auch etwa zwischen verschiedenen Objekten oder Dingen untereinander verloren.

Und, parallel dazu entstehen gegensätzliche Phänomene: Verschmelzungen, Vereinseitigungen usw.‘
In diesem Fall geht die Unterschiedlichkeit bzw. Vielfältigkeit innerhalb der ursprünglichen Einheit verloren: Geist und Körper, Person und Ding, Subjekt und Objekt, verschiedene Personen, verschiedene Dinge usw. verlieren ihre eigenen Charakteristiken und werden uniformer. Insbesondere: Personen werden Dingen ähnlicher, Dinge werden Personen ähnlicher, Subjekte werden objekthaft und Objekte subjekthaft. Die erstrangige Identität verschiedener Personen und verschiedener Dinge geht letztlich verloren.
            Schizophrenen Psychosen entstehen oft in Familien, die entweder sehr starke Fusions- bzw. Symbiose-tendenzen haben oder stark gespalten sind oder man findet beide gegensätzliche Tendenzen nebeneinander. Entweder übernimmt der Indexpatient die Pro- oder er übernimmt die Gegenposition oder er wird zwischen beiden Positionen zerrissen. Er hat keine eigene klare Position (kein eigentliches Selbst), wenn er eine Pro-Position noch für seine seelische Stabilität benötigt. Je mehr ihn aber diese Position überfordert, umso mehr wird er in die Kontra-Position gedrängt oder er wird zwischen beiden Positionen hin und her pendeln bzw. durch beide gespalten werden.
R.D. Laing: „Darum besteht die Polarität zwischen vollständiger Isolation und vollständigem Verschmelzen der Identität ... Das Individuum oszilliert zwischen den zwei Extremen, die sich beide nicht verwirklichen lassen.” Und Manfred Bleuler wies darauf hin, dass Autismus und Gespaltensein zwei Seiten eines psychologischen Vorgangs sind.
[59]
Alle diese Reaktionen sind mit Defiziten in der erstrangigen Wirklichkeit und Personalität verbunden.
Das extreme In-sich-gekehrt-Sein beim Autismus oder bei der Schizophrenie ist m.E. vor allem ein Schutz gegen Spaltung oder Auflösung des Persönlichkeitskerns, denn, weil der Betreffende ein schwaches Selbst hat, wird jedes fremde Absolute zur Gefahr, das Restselbst zu zerstören.  Er gewinnt vielleicht zwischen Spaltungsphänomen einerseits und autistischen bzw. Fusionsphänomenen andererseits ein Gleichgewicht, das ihm sein Überleben sichert, aber es ist teuer erkauft. Der Betreffende wird nur schwer auf dieses Gleichgewicht verzichten können, d.h. auch seine Symptomatik verlieren können, weil, sobald er von der einen Seite wegkommen will, ihn die jeweils andere bedroht.
Diese Bedrohung wird existenziell erlebt. Der Betreffende glaubt zu sterben, wenn er versucht, auf das Gleichgewicht, d.h. auch auf spaltende oder autistische Reaktionen zu verzichten. Warum? Weil sich der Betreffende mit den zugrundeliegenden fA identifiziert hat, obwohl diese die Ursache für die Spaltungen und autistischen Reaktionen sind. Um seine fA und damit seine Symptomatik zu verlieren, muss der Betreffende seine fA quasi sterben lassen. Weil er jedoch sich mit ihnen identifiziert hat, wird er deren „Tod“ wie den seinen erleben und selten dieses Risiko eingehen, vor allem solange nicht, solange er noch kein stärkeres Absolutes gefunden hat.
Nicht nur Spaltung und Fusion können ein teures Gleichgewicht herstellen, sondern die Pro-und-Kontra- Positionen (↔) aller personalen Aspekte, besonders jene, die auf derselben Aspektebene liegen:

Fremd-Ichs wirken gegen ↔ Ich-Verlust
Spaltung, Isolation ↔
Verschmelzung, Kompression, `Implosion´
Chaos ↔ innere Zwänge, Automatismen
Auffälliges, Besonderes ↔ Individualitätsverlust
Ekstatisches ↔ Gefühlsverflachung
Halluzinatorisches, vielleicht auch Wahnhaftes ↔ innere Leere, Isoliertheit
Symbolisiertes, Chiffriertes ↔ Konkretismus, Übereinfachheit
Zumachen, Einigeln ↔ Überoffenheit, Bloßliegen
Unempfindlichkeit, Hölzernes, Petrifikation ↔ Übersensibilität, Schmerz
Verdinglichung ↔ Auflösung
Bizarres, Fehlgestaltetes ↔ Amorphes, Entstaltetes
Hohlheit, innere Armut, Entleerung ↔ zu große Schwere, Besetztheiten, Redundanzen
Schwäche ↔ Fehlpotenz
Kleinheitswahn, Minderwertigkeitsgefühle ↔ Größenwahn
Fixierungen ↔ Haltlosigkeit
Allmachtsgefühle ↔ Ohnmacht (Gefühl des Ausgeliefertseins, Gefühl des Gemacht-Werdens).


Insofern lassen sich nicht nur die „Schizophrenie” an sich, sondern auch ihre einzelnen Symptome manchmal auch positiv interpretieren. Sie können, wie gesagt, auch im Rahmen eines Fortschritts und nicht nur im Verlaufe eines Rückschritts oder Versagens der Person auftreten.
[60]

Spaltungs- und Fusionsphänomene sonst

• Gesellschaftlich, familiär, Scheidungen/ symbiotische Beziehungen (Siehe a.a.O.)
• Bei anderen Krankheiten (z.B. Anorexie/ Bulimie, Legasthenie, Stottern, ja ab einem gewissen Punkt bei den meisten psychischen Krankheiten).

Parallelen zur Physik?

Wir sagten, dass die Gesetze in den zweiten Wirklichkeiten, so auch in P², den physikalischen Gesetzen ähneln. Das gilt auch für die Auswirkungen von Druck oder Spaltung auf einen Gegenstand. In beiden Fällen finden sich sowohl Bruchstellen als auch Kompressionsstellen (~ Fusionen). Zum Teil überwiegen die Bruchstellen, zum Teil das Komprimierte. Ja man könnte sogar in den entstandenen Spalten die dritte Hauptfolge: das Nichts sehen.
Parallelen zu physikalischen Vorgängen?
Kernfusion bezeichnet eine Kernreaktion, bei der zwei Atomkerne zu einem neuen Kern „verschmelzen“.
Grundsätzlich kann diese Reaktion exotherm (Energie liefernd) oder endotherm (Energie verbrauchend) sein;
Bei der Kernfusion muss zunächst die Coulombbarriere (elektrische Abstoßungskraft) zwischen den positiv geladenen Kernen überwunden werden.
Kernspaltung bezeichnet einen Prozess der Kernphysik, bei dem ein Atomkern unter Energiefreisetzung in zwei oder mehr Bestandteile (Fragmente) zerlegt wird. Für den Zusammenhalt von Atomkernen ist die starke Kernkraft oder starke Wechselwirkung verantwortlich. Sie ist viel stärker als die elektrische Abstoßung von Protonen. Die starke Kernkraft erklärt also, warum viele Protonen in einem Atomkern gebunden sein können, obwohl sie sich gegenseitig elektrisch abstoßen.
Die Chaostheorie wiederum beschreibt chaotische Zustände, die ebenfalls eine Analogie zu manchen psychotischen Zuständen nahelegen.
Autopoietische Systemtheorien beschreiben Bifurkationen, die Entscheidungen von P² ähneln:
Es ist so, dass im Moment der "Entscheidung", d.h. im mathematischen Bifurkationspunkt, mehrere Wege, neue Zustände möglich sind. Welchen Weg die Entwicklung nimmt, hängt von den Bedingungen ab, die sich einerseits langfristig im vorigen Zustand entwickelt haben, andererseits aber auch gerade im Punkt der Entscheidung wirken. An diesem sensiblen Entscheidungspunkt können sehr kleine Ursachen sehr große Wirkungen haben.
[61]
Und solche Entscheidungspunkte existieren für jeden von uns fast jeden Tag.

Kleiner philosophischer Exkurs: Dualismus, Pluralismus ↔ Monismus

Im Zusammenhang mit Spaltungen und Fusionen bei Schizophrenie.
Kritik des Dualismus: (Lehre, die von zwei voneinander unterschiedenen und unabhängigen Entitäten, Prinzipien, ausgeht). Die Vielfalt der Erscheinungen wird reduziert, „Zwischentöne” fallen weg, das heißt, es werden bestimmte Lebensbereiche negiert, es entstehen Spaltungen dort, wo an sich nur relative Unterschiede sind.
Es werden sprachliche Einheiten gebildet und Grenzen gesetzt, die so nicht genau existieren,
Es besteht die Gefahr, dass im Falle von Bewertungen der Dualismus zu normativen Festlegungen führt, die einerseits den positiv bewerteten Teil als unbedingt erforderlich erklären und den negativen als inakzeptabel darstellen (Normativismus). Damit hängt auch die Gefahr von Manipulation, Machtausübung und Ausgrenzung zusammen. Ich glaube, dass unseren Seelen ein analoges Umgehen mit unserer Welt angemessen ist und dass andererseits die zunehmende Digitalisierung, wie auch ein dualistisches Denken in richtig oder falsch (und sonst nichts), wozu Inversionen führen können, zu einer Zersplitterung unseres Selbst führt.
Dualistische Konzepte und Methoden sind für primär materielle Prozesse gut geeignet, weniger für Geistiges, Lebendiges, Subjektives - also den Menschen usw. Die Verhaltenstherapie erscheint zu dualistisch.

Kritik des Monismus: Kurz: zu wenig differenziert, Entindividualisierung usw.
Kritik des Pluralismus: (bearbeiten)

Weiteres zur schizophrenen Symptomatik

    Das Ich, das an sich ein echtes +Absolutes als Basis braucht, wird nach Inversionen von verschiedensten Grundlagen aus leben. Wie gesagt erlebt der Betroffene diese Grundlagen nicht mehr nur unterschiedlich, sondern widersprüchlich, miteinander unvereinbar, unüberbrückbar, nicht integrierbar, damit unlösbar. Die an sich relativen Grenzen werden subjektiv absolut und unüberwindbar erlebt („fehlender Überstieg“, Conrad). An sich wird durch das Selbst (wie durch Gott) alles Widersprüchliche und Gegensätzliche kompensiert, durch ein FA nicht.[62] Während das Ich, das auf dem Selbst gründet, quasi einen lockeren Spaziergang durch die verschiedenen Lebensbereiche macht und letztlich immer ein Ich-Selbst mit allen weiter oben genannten Charakteristika bleibt, entstehen nun Fremd-Ich-Anteile, die von gegensätzlich und gespalten erlebten Fremd-Basen aus agieren müssen. Diese Fremd-Ichs sind manchmal wie Wölfe. Sie sind misstrauisch und an sich einsam, aber die Not schweißt sie zusammen. Sie sind sich untereinander nicht Freund, höchstens Kumpel, verschworene Gemeinschaften. Sie haben schnell gemeinsame Feinde, geraten aber auch untereinander schnell in Feindschaft. Oder sie sind wie hilflose Lämmer. Sie haben nie Ruhe, sie werden gejagt, sind permanent bedroht, sind oft auf der Flucht und müssen tiefe Gräben und Spalten überspringen. Oder sie sind wie Fehlsichtige und sehen von dem einen FS-Anteil aus eine Sache so, von einem anderen aus völlig anders, zumindest ein Stück verzerrt und verrückt. Sie handeln dementsprechend widersprüchlich, von außen und objektiv nicht mehr oder kaum noch nachvollziehbar. Oder sie sind in einer anderen von entsprechenden Fremd-Selbsts aufgedrängten Rolle. (Siehe Es-Wirkungen und Folgen in der Gesamtübersichtstabelle).
Und ist das Ich einmal es selbst, ein Ich-Selbst, dann ist es sich angesichts der anderen Positionen immer noch unsicher, bin ich es wirklich oder bin ich nicht auf der anderen Grundlage dort ich selbst? (Das trifft vor allem dann zu, wenn es sich um einen Hyper-Ich-Anteil handelt).
Dem schizophrenen Kranken fehlt es im wahrsten Sinn des Wortes an Selbstverständlichkeit. Er erlebt weder sich noch die Welt einfach und selbstverständlich. Er hat höchstens Ersatz-Selbstverständlichkeiten und Automatismen. Dem `Schizophrenen´ fehlt ein ihn schützendes, Identität gebendes und alles Negative integrierendes Selbst.
Da das Fremd-Ich mit verschiedensten anderen Sachen oder Personen identifiziert ist, ist es von diesen direkt abhängig. Es sieht nicht nur mit deren Augen, es ist auch bedroht, wenn diese bedroht sind. Der Betreffende kann, wie man so treffend sagt, nicht mehr sachlich mit diesen oder jenen Sachen und Problemen umgehen. Er nimmt sie persönlich - im Positiven und, viel häufiger, im Negativen.
Der Kern, das Selbst der Person, ist schwach und fremdbesetzt und seine Grenzen sind löchrig. (Ich verweise auf die Abbildung im Abschnitt `Vulnerabilität-Stress-Theorie´). Sie zeigt, wie durch die Fremd-Selbsts der an sich unantastbare Selbstbereich angreifbar und manipulierbar wird. Die Person gibt nicht ihrem Selbst die Priorität, sondern, zumindest zeit- oder teilweise, dem Fremdem. Diese fremden Introjekte kommen in eine Subjektstellung, werden quasipersonal und das Ich wird passives, dinghaftes Objekt. Wen wundert es, wenn der Betroffene in dieser Situation wahnhaft reagiert oder halluziniert. Da das Fremde sich ja an dominanter Stelle etabliert
hat, so empfindet die Person auch, wie diese fremden Mächte ihn beherrschen, mit ihm, als Objekt, etwas machen, ihn etwa verfolgen, beobachten oder auch zu ihm reden. So unerklärbar diese Phänomene bei oberflächlicher Betrachtung auch erscheinen mögen, so verständlich werden sie doch, wenn wir die Rolle dessen, das wir hier Fremd-Selbst (FS) nennen, bedenken. Wenn etwa, wie so häufig, die Eltern und was sie repräsentieren, absolut genommen werden, so werden sich im Kind Strukturen bilden, die diesen verabsolutierten Elternanteilen entsprechen[63] und nun, quasi-personal, wie eine Art Homunkulus Subjektrollen einnehmen und so wirken und erlebt werden.
Nicht wenige Kranke können deshalb durchaus Stimmen o.ä. bestimmten Personen zuordnen. Ein Fremd-Selbst wird so personalisiert und das Ich-Selbst depersonalisiert. Das FS wird so ein quasi personaler Fremdkörper, der auch „sprechen” kann. Man kann auch sagen: ein Fremd-Ich spricht von einer FS-Grundlage aus.
Daneben tritt eine Vielzahl weiterer Folgen auf, die im Wesentlichen den a.a.O. genannten FS-Folgen entsprechen und nicht noch einmal aufgezählt werden sollen.
[64] Natürlich ist das Geschehen selten so einfach, im Prinzip aber, meine ich, doch sehr plausibel, und ich wundere mich, dass allgemein der Eindruck besteht, das Phänomen „Schizophrenie” sei ein völliges Rätsel.
Zur Genese der schizophrenen Reaktionen verweise ich auch auf das Kapitel `Zu Ursachen psychischer Krankheiten´.
Lesen wir diese Abschnitte unter dem Gesichtspunkt der Spaltungsphänomene, so ergibt sich, stark gerafft, als häufigste und typische Genese schizophrener Reaktionen folgende „Geschichte”:
Die wichtigsten Bezugspersonen des später Erkrankenden (also meist die Eltern) sind FS-bestimmt, gleich, ob sie selbst manifest krank sind oder nicht. Diese Fremd-Selbsts der wichtigsten Bezugspersonen summieren sich in ihren spaltenden Wirkungen. Das Kind wird mit verschiedenem verabsolutiertem Positiven (+*) und Negativem (
-*), mit unbedingt zu Befolgendem und mit unbedingt zu Vermeidendem konfrontiert. Der Kern seiner Person wird davon abhängig gemacht, ob er das unbedingt zu Befolgende befolgt und das unbedingt zu Vermeidende auch vermeidet. Das eigentliche Selbst des Kindes, das vor allem es selbst und frei sein will, muss sich unterordnen, wird an die Seite gedrängt und muss sich, um zu überleben, abspalten. Hier liegt die Hauptspaltung. Sicher tragen wir alle solche Spaltungen in uns. Sie werden aber eine umso negativere Wirkung haben, je größer ihr Ausmaß ist, je mehr das eigentliche Selbst an den Rand gedrängt wird, je weniger es zu sagen hat, je weniger das Kind es selbst, sondern fremd-selbst sein muss und je mehr relativ Positives negativiert* und relativ Negatives idealisiert* wird. Fast nie setzen Eltern ein solches Geschehen bewusst in Gang, was nicht heißen soll, dass Eltern keine bewussten Fehler machen. Wie gesagt, sind sie häufig selber fremd-bestimmt, haben aber entweder noch genügend eigenes Selbst, um nicht krank zu werden oder können die FS-Anteile noch mit Mühe kompensieren oder leben mit anderen der später zu besprechenden Notlösungen.
Solange das Kind die Fremd-Selbsts der Eltern, meist unbewusst, übernimmt, werden sich vorhandene Spaltungen oder andere Symptome noch nicht so bemerkbar machen, wie zu jenem Zeitpunkt - und dieser kann auch im Erwachsenenalter liegen - an dem der Betreffende versucht, mehr von der eigentlichen Selbstbasis aus zu leben und damit in offenem und deutlichem Gegensatz zu den äußeren, aber, wichtiger noch, zu den verinnerlichten Fremd-Idealen* und -Tabus* kommt. Die Spaltungen, obwohl objektiv nicht stärker als zuvor, werden nun subjektiv als äußerst spannungsvoll bis existenziell bedrohlich erlebt. Dies ist ein wichtiger Punkt: Auch wenn die „harten Fakten” nicht so auffällig sind und relativ gut bewältigbar erscheinen mögen, so ist doch das subjektive Erleben, den die Gegensätze und die Ungelöstheiten in dem Betreffenden einnehmen, ein anderes, weil absolut empfundenes. Er wird das Gefühl haben, es gehe ums Ganze, um Sein oder Nicht-Sein, um seinen Tod oder Leben oder um Tod oder Leben der Eltern. Was für jemanden, der mehr Glück hatte, vielleicht schwierig, aber noch lösbar, noch zu bewältigen ist, kann für den Nächsten anders aussehen. Die Spannungen und Spaltungen drohen ihn zu zerreißen. Wie im Abschnitt `Lösungen´ beschrieben, stehen in dieser Situation mehrere Wege offen.
In unserem Fall wird der Betreffende krank (in der Terminologie dieser Arbeit: Er benutzt, natürlich unbewusst, die `Notlösung B´). Das heißt: Der Betreffende geht eine Kompromisslösung (auch Ersatz- oder Notlösung) ein, wie ich sie dort beschrieben habe, die ihn zwar entlastet und die Grundkonflikte abschwächt, dies aber um einen sehr hohen Preis - eben den der Krankheit.
Menschen mit psychotischen Reaktionen, ja vielleicht mit seelischen Krankheiten überhaupt, wollen oft echter, tiefer leben und versuchen ihr (seelisches) Leben zu leben. Es scheint mir deshalb, wie oft gesagt, wichtig, seelische Krankheit nicht von vornherein als nur etwas Negatives zu sehen. Denn obwohl der Betreffende in diesem Fall quasi das „Richtige” versucht - sich von den Eltern und deren Unbedingtheiten zu lösen - wird er krank. Natürlich ist es Leid, aber wie vieles Leid kann auch dieses im Rahmen von Versuchen gesehen werden, die in die richtige Richtung gehen, auch wenn sie nicht durchgehalten wurden. (Ich habe a.a.O. deshalb auch eine `progressive Krankheit´ einer eher `regressiven Krankheit´ gegenüber gestellt).
Obwohl wir alle, nach dieser Theorie, Spaltungen in uns tragen, wird nicht jeder Mensch schizophren. Warum? Zum einen spielt natürlich das Ausmaß der FS-Bildungen eine Rolle, dann auch, ob sie sich in ihrer Wirkung gegenseitig eher abschwächen oder verstärken. Lassen Sie mich noch einen wesentlichen Punkt wiederholen: Ich glaube, Spaltungen werden vor allem dann erlebt, wenn sich der Betreffende in die Spannung zwischen Selbst und Fremd-Selbsts wagt. Der Erkrankte scheint die FS-Bildungen wie goldene Käfige zu erleben und will, wenn oft auch unbewusst, da heraus. Er versucht einen Wechsel seiner Lebensgrundlagen, seiner Absolutheiten, da ihn die alten nicht befriedigten. Aber er schafft die Befreiung nur halb. Er fällt zwischen die Stühle und es zerreißt ihn. Er ist Grenzgänger zwischen dem eigentlichen Selbst und den Fremd-Selbsts. Er könnte es sich leichter machen und sich nur auf die alten FS-Stühle setzen. Dann wäre er der Spaltung nicht so ausgesetzt und würde, so glaube ich, nicht schizophren. Er würde dann aber den zweitschlimmsten Preis zahlen, den es im Leben gibt - den des Lebens aus zweiter Hand, das geborgte, fremd-bestimmte Leben. Das scheint mancher Kranke nicht zu wollen. Er scheint ein gespaltenes, ein wenigstens halbes echtes, eigenes und unangepasstes Leben dem nicht gespalten empfundenen, aber überangepassten und uneigentlichen Leben vorzuziehen. Ich glaube, viele klinisch Gesunde tragen in sich objektiv viel mehr innere Spaltungen und Verrücktheiten als mancher, den man schizophren nennt, doch sie stellen sich dem inneren Zerrissensein nicht. Sie lösen es auf die weiche, bequeme, überangepasste Art und Weise. Sie verhindern zwar dadurch die eigene manifeste Spaltung, werden aber zu einer Art Krankheitsursachen-Überträger für andere. Ich will das nicht verurteilen, sondern ich will Menschen mit psychotischen Reaktionen sagen, dass sie möglicherweise mutiger, wenn auch unglücklicher, als manche sogenannte Gesunde sind. Sie sind oft auf eine erschreckende, allerdings auch selbstzerstörerische Art, ehrlicher. Erschreckend für uns sogenannte Normale, die wir zu selten wagen, uns unsere Lebenslügen und Fremdbestimmungen bewusst zu machen. Die klinisch Gesunden sind also nicht von vornherein die weniger Verrückten, sie sind nur die weniger Leidenden. R.D. Laing sieht es so: „Deshalb möchte ich betonen, dass unser `normaler´, `angepasster´ Zustand zu oft der Verzicht auf Ekstase ist, Verrat an unseren wahren Möglichkeiten, dass viele von uns nur zu erfolgreich darin sind, sich ein falsches Selbst anzuschaffen, um sich an falsche Realitäten anzupassen.”
[65]
Andererseits glaube ich auch, dass psychotische Reaktionen auch auf regressivem Weg entstehen können. Während die o.g. Menschen den Sprung ins Leben wagten, aber auf halber Strecke abstürzten, flüchten andere vor einem unerträglich empfundenen Leben, das sie aber einholt und zu Fall bringt. Die Psychose kann also produktiv werden, sobald man sich vorwärts oder rückwärts bewegt. Das Vorne ist unbekannt und unsicher und das Hinten war unerträglich. Oft erscheint die Pattsituation am ungefährlichsten. Aber auch sie ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.
Schizophrenie lässt sich so als Leben in der Zerrissenheit zwischen dem eigentlichen Absoluten und für absolut gehaltenen Relativa, als Leben zwischen Selbst und Fremd-Selbsts und zwischen verschiedenen Fremd-Selbsts beschreiben. Es ist ein Leiden an Widersprüchlichem, das für den Betreffenden zum völlig Unvereinbaren geworden ist. Dieses Faktum lässt sich nur durch die Annahme eines Absolutbereichs in der Person erklären, denn relative Unvereinbarkeit gibt es nicht. Das miteinander Unvereinbare ist eine absolute Kategorie. Die Betroffenen versuchen, auf zwei oder mehreren Basen, aus zwei oder mehreren Absolutheiten zugleich zu leben. Sie sind so die chronisch Verzweifelten (Ver-zwei-felten), die Un-ent-schiedenen, die, die in einem existenziellen Dilemma leben.
[66]
Mir scheint, wir neigen auch dazu, die Unterschiede zwischen verschiedenen seelischen Krankheiten überzubetonen und das Gemeinsame in der Tiefe, wie die Fremd-Selbst-Bildungen, nicht zu sehen. So werden wir auch bei anderen seelischen Krankheiten deutliche Spaltungsphänomene finden - für mich besonders eindrucksvoll bei der Anorexia nervosa.
Ich habe auch keine Schwierigkeiten, unmittelbare Parallelen zwischen der schizophrenen Psychodynamik und entsprechenden äußeren Situationen, wie etwa denen von Ehescheidungen, zu sehen - nur mit dem Unterschied, dass sich im Fall der Schizophrenie die `Scheidung´ im Inneren abspielt und der `Schizophrene´ sich nicht völlig von sich trennen kann, obwohl er es versucht. Nebenbei: wie einem sich scheidenden Ehepaar, so würde ich auch einem Menschen mit schizophrenen Reaktionen Medikamente nur dann geben, wenn sie von dem jeweiligen Leid überwältigt werden könnten, aber nicht von vornherein als selbstverständliche „Rezidivprophylaxe”. Wir sollten uns auch fragen, ob wir mit einer reinen Psychopharmakatherapie der psychogenen Psychosen nicht letztlich auf derselben fragwürdigen und halbherzigen Ebene tätig werden, wie etwa bei einer Therapie der (psychogenen) Impotenz mit potenzsteigernden Mitteln.
Vorwegnehmen darf ich auch, dass ich auch nicht in der Auflösung der Spaltungen, sondern in ihrer Akzeptanz und Relativierung den ersten und wichtigsten Therapieschritt sehe. Spaltung ist nicht das absolute Übel und Einheit der Person nicht das absolute Gute. Vielfältige Einheit ohne Spaltungen sollte natürlich versucht werden zu erreichen. Darüber steht jedoch als Therapie eine Haltung, die Spaltung oder überhaupt Ungelöstes auch zulassen kann, die dadurch, dass sie darüber steht, diese relativiert und nicht zu einer neuen existenziell empfundenen Spaltung oder Vorbedingung führt, wo es dann um die Frage gespaltet oder nicht-gespaltet o.ä. geht. Durch die Relativierung dieses Problems wird aber die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass auch die Spaltung de facto überwunden werden kann, sie ist dafür aber keine Garantie.
Zuletzt sei noch einmal auf die positiven, wenn auch nur ersatzpositiven, Anteile der schizophrenen Symptomatik hingewiesen. Sie sollen stichwort- und hypothesenartig genannt sein:
Mit der Psychose verteidigen die Patienten die ihnen verbleibenden Reste an Würde, Freiheit, Individualität und Selbstbestimmung, wenn auch um den Preis der Aufgabe eines Teils von sich. Die Krankheit ist Schutz und Selbstaufgabe zugleich. „Weißt du, was so furchtbar ist, wenn man geisteskrank ist, das ist der schreckliche Preis, den man für das Überleben bezahlen muss” - so heißt es in `Ich hab´ dir nie einen Rosengarten versprochen´.
[67] Oder wie ein Patient von Luc Kaufmann sagte: „Wenn ich aufwachte, würde ich sterben!” Einerseits wird es gut sein, wenn Arzt und Patient diese psychotische Abwehr respektieren, andererseits stellt sich immer wieder die Frage, ob der Patient nicht auf diesen teuren Schutz verzichten kann. Ich stelle deshalb die psychotischen Reaktionen, wie seelische Krankheit überhaupt, dem Patienten gegenüber als `erlaubte Notlösung ´ dar. Dadurch ergibt sich für den Patienten einerseits die Möglichkeit, diese ohne schlechtes Gewissen zuzulassen, andererseits aber auch immer wieder die Frage, ob denn diese oder jene Symptomatik noch zum Schutz nötig ist, da sie teuer bezahlt werden muss. Gleiches gilt für den medikamentösen Schutz. Psychose ist aber nicht nur Ersatzschutz, sondern bietet über alle o.g. Aspekte hinweg Ersatz- oder Teilpositiva: Sie kann Ersatz-individualität, Ersatz-würde, -freiheit, -vielfalt, -ordnung-, -realität, -vergangenheit, -gegenwart und Ersatzzukunft geben. Sie kann Ersatzkommunikation, Ersatzwohlbefinden und alle weiteren Positiva einer zweitrangigen Wirklichkeit geben. Besser ein teurer Ersatz als völliger Selbstverlust scheint eine wichtige, unbewusste Devise. So kann die Krankheit zu einer Notrettung des Selbst werden.[68]

Verrückung und Fixierung

Was ich für das Gegensatzpaar `Spaltung und Fusion´ und dessen Zusammenspiel ausführte, das gilt auch für andere Gegensatzpaare, so auch für `Verrückung und Fixierung´, denn die Spaltungen gehen auch mit Verrückungen und die Fusionen mit Fixierungen einher. Der Betroffene ist also nicht nur mehr oder weniger gespalten und/oder fusioniert (autistisch), sondern auch verrückt und/oder fixiert. Wir alle sind nicht nur mehr oder weniger gespalten oder „komprimiert“, sondern auch „ver-rückt“. Der klinisch „Verrückte” kann stellvertretend unsere Verrücktheiten in sich aufgenommen haben und daran zerbrochen sein (Siirala [69]).
Man findet, wie a.a.O. ausgeführt, über alle Aspekte hinweg entsprechende Gegensatzpaare und deren Symptome, wie ich sie auch oben und in der
Übersichtstabelle aufgeführt habe.

Paradoxien und Schizophrenie

Paradoxien entstehen, wie die Schizophrenien, vor allem durch Widersprüchlichkeiten in einem System, das keine Metaebene hat[70] - letztlich verursacht durch Inversionen. Man kann auch sagen: Das, was Paradoxien erzeugt, kann auch schizophren machen.
(Siehe auch Kapitel `Zur Entstehung von Paradoxien´ a.a.O.).
Unsere Welt ist mehr oder weniger zwiespältig oder gar gegensätzlich, d.h. auch zweideutig oder mehrdeutig usw. - paradox ist auch, dass Deutung und Gegendeutung gleich wahr zu sein scheinen.

Paradoxien zeigen wie Schizophrenien (oder Schizophrenien zeigen wie Paradoxien) in ihrem Charakter Widersprüchlichkeit, Gegensätzlichkeit einerseits und Untrennbarkeit dieser Gegensätze andererseits. Anders gesagt: Ein Kennzeichen von Schizophrenien sind die ihr innewohnenden Paradoxien, die der Betroffene nicht auflösen kann.
Die Auflösung/ Lösung besteht für beide in der Einführung einer Metaebene, die die darunterliegenden Gegensätze lösen kann. 

Übereinstimmungen mit bisherigen Schizophrenie-Theorien

Haben nicht alle gängigen Schizophreniekonzepte eine gewisse Richtigkeit?
Wohl ja - zumindest in dem Sinn als sie verschiedene von vielen möglichen Verursachungen von Schizophrenien beschreiben.
Ich kann die meisten Schizophrenietheorien jedenfalls in meinem Konzept ohne Schwierigkeiten integrieren und versuche, mit dem Konzept der durch Inversionen entstandenen FA/Es einen gemeinsamen Nenner zu finden (siehe unten).
Die bekannten Schizophrenietheorien legen das Schwergewicht der Verursachung auf folgende Faktoren:
• Genetische Faktoren [werden m.E. aber zu hoch veranschlagt].
• Expressed Emotion (EE) bzw. emotionales Überengagement (HEE) von G.W. Brown u.a.
• Double-bind (Gregory Bateson und Mitarb.).
• Verstrickung (S. Minuchin).
•„Delegation“ und „unmögliche Mission“ (H. Stierlin).
•„Paradoxien“ (M. Selvini Palazzoli).
• Pathologischer Narzissmus und Widersprüche anhand internalisierter Objektbeziehungen (Kernberg).
• Von Psychoanalytikern oft hervorgehobene Ich-Schwäche.
• In der älteren Literatur spielte die Frage nach schwer gestörten Familienverhältnissen („broken-home-Situationen) eine größere Rolle, ohne dass man zu klaren Ergebnissen kam bzw. ihre Unspezifität erkannte.
• Schizophrenogene Mütter (Frieda Fromm-Reichmann).
• Soziale Isolation. V.a. bei Emigranten wurde erhöhte Schizophrenieanfälligkeit durch Scheflen nachgewiesen.
• Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

Im Folgenden vergleiche ich die verbreitetsten Theorien: das Vulnerabilitäts-Stress-Modell von Kernberg und die Doppel-Bindungstheorie mit den Hypothesen dieser Arbeit.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Autoren wie Zubin und Spring, Ciompi, Nuechterlein et al. übernahmen das Vulnerabilitäts-Stressmodell zur Erklärung der multifaktoriellen psycho-sozio-biologischen Entstehung der Schizophrenie. Demnach zeichnen sich schizophreniegefährdete Menschen durch einen Mangel an Resilienz, also eine besondere Vulnerabilität und Sensibilität (`Dünnhäutigkeit´) aus, die ungünstigenfalls im Verein mit stressvollen lebensgeschichtlichen, situativ-sozialen oder körperlich-hormonellen Belastungen zum Ausbruch einer Psychose führt.“[71]
Ciompi: „Alles weist darauf hin, dass spätere Schizophrene häufig durch eine besondere Verletzlichkeit und Hypersensibilität gekennzeichnet sind, die ohne Zweifel ein unentwirrbares und von Fall zu Fall wechselndes Produkt aus angeborenen und erworbenen Anteilen darstellt.“
[72]

Wenn Ciompi weiter formuliert „(Gewisse) Schizophrene bzw. schizophreniegefährdete Menschen leiden an einer fundamentalen Unklarheit, Widersprüchlichkeit und Labilität von wichtigen, internalisierten affektiv-kognitiven Bezugssystemen.“ (S. 238) - dann entspricht das, z.T. in andere Begriffe übersetzt, recht genau dem von mir Gemeinten. Insbesondere die Formulierung „fundamentale Widersprüchlichkeit“ kann ich als Pro-/Kontra-FA-Situation und die „fundamentale Unklarheit“ als Ausdruck des Nichts (F0) „übersetzen“.
Es ist Ciompi und anderen sicher auch zuzustimmen, dass sich diese Situation auch materiell, also etwa auch in dementsprechend strukturierten neuronalen Verbindungen oder Substanzen niederschlägt. Darauf habe ich a.a.O. (STW Materialisierung der FA) auch schon hingewiesen. Wie anders sollte man auch die Chronizität der entsprechenden Symptomatiken erklären. Obwohl ich vermute, dass in den nächsten Jahren entsprechende Details gefunden werden, so glaube ich dennoch nicht, dass auf dieser Strecke langfristig therapeutisch Entscheidendes erreicht werden kann.
Ciompi leitet aus einem gestörten affektiv-kognitiven System her:
Ich-Schwäche, Verstrickung, emotionales Überengagement, schizophrene Transaktionen, symbiotische Partnerbeziehung, Schwierigkeiten in der Informationsverarbeitung und in der Bewältigung von Stress. Durch die widersprüchlichen double-bind-artigen Informationen verdopple sich geradezu auch die zu verarbeitende Informationsmenge (S.240). Dadurch entstünden Schwierigkeiten v.a. bei komplexen Informationen in schwierigen affektiven Situationen. Der Schizophrene sei „vergleichbar etwa mit einer verminderten Sehschärfe - fortwährend zu erhöhter Vorsicht und Aufmerksamkeit“ gezwungen, er sei dadurch ständig angespannt und unsicher, ermüde schnell und zeige entsprechende Vermeidungsreaktionen (S.241).
Bei den beobachteten Störungen gehe „es im Wesentlichen immer wieder darum, dass gegensätzliche kognitive (und affektive) Komponenten miteinander interferieren und dass der Aufmerksamkeitsfokus entweder zu weit, zu eng, zu inkonstant oder zu stark ablenkbar ist (nach Hartwig).“ (S. 241)
Typisch sei für alle Schizophrenien „ein Einbruch von etwas Äußerem und Fremdem ins eigene Erleben, das heißt eine tiefgehende Störung der persönlichen Identität mit Verwischung der Ichgrenzen und Aufhebung der klaren Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Realität.“ (S. 272)
In den folgenden zwei Abbildungen versuche ich diese Ansichten von Ciompi in die Terminologie meiner Theorie zu übersetzen. 


























Abb. Die vulnerablen Stellen im Selbstschutz.
Nr. 3 z.B. Ich darf nicht wie Vater werden.
Nr. 16 z.B. Information, die absolut genommen wird.
Nr. 19 Vergangenes (z.B. Traumata mit subjektiv aboluten Auswirkungen.)
[Beispiel Nr. 9 z.B. die Anforderung von außen: „Du musst unbedingt bescheiden sein!“ stört nicht das Selbst, wenn P die Anforderung nicht absolut nimmt.]

(ps. Die vulnerablen Stellen sind auch die Manipulationsstellen und die Stellen, durch die es zur Reizüberflutung kommen kann, da die Außenreize ungehindert in den Selbstbereich eindringen können. In der Übersichtstabelle wird diese Thematik vor allem in der Zeile des Asp.23 dargestellt).


Man ist sich recht einig: Es müssen verschiedene Faktoren zusammenkommen, die einzeln jedoch eher unspezifisch sind. Wahrscheinlich ist es ein Fehler nach der Ursache zu suchen, zumal nicht eine sondern viele Formen der Schizophrenie existieren, die sich außerdem noch individuell unterscheiden.

Ähnlich dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist das sog. „Anforderungen-Kapazitäten-Modell“ (ein bekanntes Erklärungsmodell für Stottern).
„Nach diesem Modell treten Störungen im Redefluss dann auf, wenn die Anforderungen an flüssiges Sprechen die aktuellen motorischen, kognitiven und linguistischen Kapazitäten überschreiten.“
[73]
Dabei müssen m.E. diese Anforderungen. Unbedingtheitscharakter haben, also als FA existieren. In diesem Sinne habe ich eine mögliche Genese des Stotterns ja auch a.a.O. dargestellt.
[74]
Kernbergs Objektbeziehungstheorie

Kernbergs Theorie von der Verwechslung von Selbst- und Objektrepräsentanzen, der Verwischung ihrer Grenzen und dem damit verbundenem Mangel an Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt wird aus meiner Sicht durch die obige letzte Abbildung erklärbar. Dort ist dargestellt, wie `Objekte der Welt´ durch Verabsolutierungen in den Selbst-Bereich der Person eindringen, zu Fremd-Selbsts werden und so eine Differenzierung zwischen dem eigenen Selbst und den fremden Objekten bzw. zwischen Innen- und Außenwelt stören. Auch Ciompi beschreibt die unscharf abgegrenzten Selbst- und Objektrepräsentanzen und den damit verbundenen Mangel an Differenzierung zwischen Innen- und Außenwelt bei Schizophrenien.[75]
In der
Übersichtstabelle wird diese Thematik vor allem in der Zeile IV dargestellt.

Doppelbindungs-Theorie

Im folgenden Abschnitt stelle ich die Doppelbindungstheorie, einer Übersicht aus Wikipedia (6/2013) folgend, stark gekürzt dar und stelle meine diesbezüglichen Hypothesen in eckigen Klammern [ ] gegenüber.
~Die klassische Doppelbindungstheorie kennt folgende notwendige Voraussetzungen für eine Doppelbindung:
Ein primär negatives Gebot oder Verbot, das für das Überleben essenziell und mit einem zweiten essenziellen Gebot unvereinbar ist und ein drittes Gebot, das dem Opfer den Versuch der Metakommunikation verbietet und es ihm unmöglich erscheinen lässt, den Konflikt zu verlassen. Diese Bedingungen werden i.d.R. internalisiert und zum Selbstläufer.
    [Diese Theorie entspricht im Wesentlichen der meinen: Es wird der Absolutheitscharakter dessen, das doppelt bindet, hervorgehoben, die Unvereinbarkeit der Gebote miteinander, die Unmöglichkeit für den Betroffenen, diese Gegensätzlichkeiten aufzulösen, wobei es sich durchaus auch um solche handeln kann, die objektiv lösbar wären, von dem Betreffenden aber aus subjektiven Gründen nicht gelöst werden können, vor allem weil ihnen eine absolute Bedeutung gegeben wird und eine relativierende Metaebene fehlt.
[76] Erhalten diese jedoch eine absolute Bedeutung, so werden sie für den Betreffenden unlösbar].
„Der wichtigste Unterschied zwischen einer [relativen] widersprüchlichen und einer paradoxen Handlungsvorschrift besteht darin, dass man im Fall der ersteren die Alternativen bewusst wahrnehmen und wählen kann und mit der Wahl einer Option aber die andere verliert und damit den Verlust bewusst auf sich nimmt.“
    [Hier wird mit Recht der Verlust der Wahlmöglichkeit in paradoxen Situationen durch den Betroffenen genannt, weil dieser kein übergeordnetes Absolutes besitzt, das ihm diese Wahlmöglichkeit gestattet, sondern die Gegensätzlichkeiten selbst werden absolut gesetzt].
„Die Doppelbindungstheorie betrachtet dabei (zunächst) zwei Ebenen. Ein dominantes Elternteil und das abhängige Kind. Eine dritte dem gegenüber übergeordnete Ebene, etwa gesellschaftliche Normen, Ideale, Idealbilder oder Ziele, der sich der dominante Sender der Doppelbindungs-Botschaft ggf. verpflichtet fühlt, bleibt bei dieser Betrachtung zunächst unberücksichtigt. Eine solche übergeordnete dritte (z. T. idealisierte) Ebene ist hingegen im Stanford-Prison-Experiment und auch im Milgram-Experiment erkennbar.“
    [Hier wird sehr deutlich auf die Notwendigkeit, eine dritte, übergeordnete Ebene zu berücksichtigen, hingewiesen, also ein `Absolutbereich´, in dem auch die „Täter“ gefangen sind und der auch ihnen Wahlmöglichkeit oder „Überstieg“ unmöglich macht].
„Es gibt... ein breites Feld an potenziellen Widersprüchen, die sich auf der Ebene der Logik nicht wirklich widersprechen. Entscheidend ist nur die Unerfüllbarkeit durch das Kind, also die subjektive Überforderung im Bewusstsein des Kindes. Eine Aufgabe mag das Kind überfordern, solange aber für das Kind nicht die Notwendigkeit besteht, diese Aufgabe lösen zu müssen, kann das Kind die komplexe Situation mit einer gelassenen Neugier, also konfliktfrei, betrachten und daraus lernen.“
    [In diesen Aussagen wird die klassischer Doppelbindungstheorie auf alle für den Betroffenen subjektiv nicht lösbaren Gegensätze oder Konflikte erweitert, was meinen oben genannten Hypothesen entspricht].
Bzgl. Anpassungsdruck und Selbstbild: „... bei Doppelbindungs-Beziehungsmustern beinhaltet die Beeinflussung auch die Art der Selbstwahrnehmung, die das Opfer von sich hat.“
    [Wichtiger Hinweis auf die Störung der Identität des Opfers, wobei, wie a.a.O. ausgeführt, alle Absolutbereiche und nicht nur die Identität und nicht nur durch Doppelbindungen/-Spaltungen, sondern durch alle Inversionen gestört werden.
[77]

Mein Konzept bestätigt und erweitert die Doppelbindungstheorien.
78]
Im Einzelnen:
• Die Pendants zu Doppelbindungen sind (Doppel)-Spaltungen und Bindungslosigkeit. Sie sind verschiedene Seiten von Es-Folgen (`Es als Triade‘). M.a.W. es handlet sich um zwei bzw. drei Folgen derselben Sache, der FA/Es.
• Doppelbindungen /Spaltungen können entstehen, wenn die Lösung von Inversionen verboten oder nicht möglich ist, weil es für die Betreffenden um Absolutes geht. Die Aufdeckung von Fehlern im System ist verboten, weil sie das System in eine Krise stürzen würde und die Systemmitglieder glauben, das unbedingt vermeiden zu müssen.
• Alle Inversionen können doppel- oder mehrfach bindend oder spaltendoder neutralisierend wirken.
Schon ein einziges FA - und nicht nur zwei oder mehrere - kann doppelbinden und spalten.
• Von allen P² können Doppelbindungen ausgehen und alle P² können doppelt oder mehrfach gebunden werden
[79], weil jede P² von FA/Es dominiert ist und diese widersprüchlich wirken können. Bedenke aber: P besteht nicht nur als P²-Anteilen.
• Doppelbindungen bzw.-Spaltungen können auch durch alle zweitrangigen Dynamiken entstehen, weil diese im Widerspruch zu einer erstrangigen-Dynamik stehen.
Wenn Menschen FA-bestimmt leben, senden sie als P² Doppelbotschaften aus.
Unsere Welt ist mehr oder weniger zwiespältig oder gar gegensätzlich, d.h. auch zweideutig oder mehrdeutig usw. Das Paradoxe daran ist, dass Deutung und Gegendeutung wahr zu sein scheinen.
Widersprüchliche Aussagen entstehen auch dadurch, dass sie von widersprüchlichen Seiten eines Teils her stammen. z.B. von einer Vorderseite und einer Kehrseite, die aber von demselben Teil stammen und deshalb den Eindruck erwecken, dass sie nicht widersprüchlich sein müssten. Zweite Möglichkeit: Teil und Gegenteil sagen dasselbe aus, weil die Kehrseite des Teils und die Vorderseite des Gegenteils die gleiche Bewertung haben.
Jede (absolute) Bindung ist auch ein Zwiespalt zwischen dem äußeren Muss und dem inneren Freiheitsbedürfnis. Mit den Begriffen Doppelbindung, Doppelbotschaft werden auch paradoxe Bindungen Zwickmühlen, Fallen usw. beschrieben.
Wenn S. Freud feststellte, dass dies das Resultat sei von „zwei gegensätzlichen Affekt- oder Triebregungen, von denen die eine einen Partialtrieb“ repräsentiert, und „die andere denselben zu unterdrücken bemüht ist“ und dies für die neurotischen Symptome absolut typisch sei
[80], dann sagt das Ähnliches aus wie auch die Aussage H.F. Searles: Verursachung bestünde auch nach  auch darin, „dass man mit dem anderen auf zwei (oder sogar noch mehr) Beziehungsebenen zugleich verkehrt, zwischen denen keinerlei Verbindung besteht. Das hat die Tendenz, den anderen dazu zu zwingen, seine Teilnahme von der einen oder anderen dieser Ebenen (möglicherweise auch von beiden) zu dissoziieren, weil er es als irrsinnig unpassend empfindet, auf eine besondere Ebene einzugehen, wenn sie keinerlei Bezug zu dem hat, was auf der anderen Ebene, der bewussteren und unverhüllteren, vor sich geht.“[82] Searles beschreibt, wie ihn eine sehr attraktive und aufreizend angezogene Patientin dadurch fast verrückt machte, als sie mit ihm eine trockene Diskussion über Theologie und Philosophie führte.[83]
• Doppelbindungen / Spaltungen entstehen auch dadurch, dass sie von widersprüchlichen Seiten eines fA-Teils her stammen. z.B. von einer Vorderseite und einer Kehrseite, die aber von demselben Teil stammen und deshalb den Eindruck erwecken, dass sie nicht widersprüchlich sein können. Zweite Möglichkeit: Teil und Gegenteil sagen dasselbe aus, weil die Kehrseite des Teils und die Vorderseite des Gegenteils die gleiche Bewertung haben.
Es gibt 1000 Ursachen, die zur Bindung oder Trennung zwischen zwei Personen führen können und ebenso gibt es 1000 Ursachen, die zur Bindung oder Trennung innerhalb einer Person führen können. Also in beiden Fällen sehr viele mögliche Ursachen (`Streuung´), die zu einer jeweils doch sehr spezifischen, wenn auch individuell verschieden ausgestalteten Folge führen können (
`Verdichtung´).

Beispiele:
• Mutter und Vater sind unbedingt gut. Das Kind ist an Mutter und Vater, die als +FA fungieren, gebunden. Also hier Doppelbindung: Das Kind muss unbedingt Mutter und Vater folgen (weil diese absolut gesetzt sind). Aber auch hier Spaltung/ Trennung: zwischen den Eltern und dem Kind, zwischen dem kindlichen Bild von den Eltern und der Wahrheit, nach der die Eltern für das Kind nicht absolut + sind.

Unmöglichkeit der Erfüllung der Anforderungen der FA, oft in Gestalt Autoritätspersonen, Autoritätsinstanzen. Person/ Opfer muss von FAs (v.a. andere Personen) abhängig sein.
Analoges Beispiel: Mutter ist die Gute, Vater ist der Böse Bindung, Spaltung und Falle für das Kind.
Falle durch Doppelbotschaft der Mutter: „Ich opfere mich für euch und bin deshalb krank geworden/ aber ihr dankt es mir nicht einmal.“ Folge: Dilemma. Nehme ich das Opfer von Mutter an, ist es falsch, weil Mutter durch das Opfer krank geworden ist. Nehme ich das Opfer nicht an, ist es auch falsch, weil ich dann das Selbst der Mutter zerstöre, das sie aus ihrer Rolle zieht.
    Dieses erweiterte Verständnis der Doppelbindungstheorie korreliert gut mit allen anderen genannten Theorien - so auch mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell, wenn man neben der Vulnerabilität auch die Zwiespältigkeiten bedenkt, die in jedem zweitrangigen System, aber auch zwischen dem erstrangigen und zweitrangigen System besteht.

                               

In der Übersichtstabelle wird diese Thematik vor allem in der Zeile a4 dargestellt.
Wenn eine erstrangige +Metaposition eingenommen wird, werden die subjektiven oder objektiven Gegensätzlichkeiten d.h. auch alle Zwiespältigkeiten und dadurch auch deren Doppelbindungen und -spaltungen gelöst oder zumindest relativiert.
[84]
Expressed-Emotion-Konzept

„Das Expressed Emotion-Konzept (EE) ist eine Theorie, die Aussagen über den Therapieverlauf bei psychiatrischen Erkrankungen wie der Schizophrenie innerhalb der Familienbindungen empirisch belegt. Angehörige haben demnach entscheidenden Einfluss auf den Krankheitsverlauf. In einem Testverfahren kann ermittelt werden, ob die Angehörigen einem high-expressed-emotion- oder low-expressed-emotion-Status angehören... High-Expressed-Emotions (HEE) bedeutet dabei, dass die Familienangehörigen gegenüber dem Patienten übermäßig häufig Kritik äußern, Feindseligkeiten zeigen oder von einem emotionalen Überengagement gekennzeichnet sind... Der ungünstige Einfluss von HEE auf die Rückfallquote von Schizophrenie, Depression, der Bipolaren Störung und Essstörungen wurde in einer Reihe von Studien nachgewiesen und gilt als gut etabliert. Zum Wirkmechanismus gibt es dagegen noch keine etablierte Theorie.“[85]
    Auch dieses Konzept steht in guter Übereinstimmung mit der Theorie dieser Arbeit, die die absolute Bedeutung mancher Personen oder deren Einstellungen für einen Betroffenen betont. Diese absolute Bedeutung hat natürlich auch entsprechende Folgen im Bereich der Emotionalität und des Verhaltens, die vor allem denen des Asp.7 entsprechen und, bezüglich der Emotionalität, in der
Übersichtstabelle den Angaben der Zellen I7 und N7 (Überemotionalität, Fehlemotionalität und Gefühllosigkeit) entsprechen. Soweit ich die diesbezügliche umfangreiche Literatur zu diesem Konzept beurteilen kann, werden zuwenig die Nachteile eines zu geringen oder fehlenden und zwiespältigen Engagements beachtet.

Kritik an einigen Schizophrenie-Theorien

• Es scheinen Ganzheitskonzepte zu fehlen.[86]
Fragen: Wie können Theorien, die nicht von einem Ganzen ausgehen, schizophrene Phänomene ausreichend erklären?
Wie gut können Therapien, die alles Nichtwissenschaftliche abspalten, also selbst gespalten sind, Spaltungen beheben? Fehlt ihnen nicht eine alles psychisch Relevante beachtende Metatheorie? Die Darstellung eines geistigen Bands für die Person/ das System, das alles umfasst und `zusammenhält´?
    Die integrierende geistige Instanz muss, wenn es sich um eine Spaltung handelt (und nicht um eine Divergenz im Relativbereich), auf einer metapersonalen bzw. metaindividuellen Ebene liegen, wenn die Person / das Ich nicht mehr im Stande ist, die Spaltung aus eigener Kraft oder mithilfe anderer Personen zu überwinden. Der Indexpatient bzw. seine Familie (oder Umgebung) kann dadurch erheblich entlastet werden, wenn die Hauptverantwortung für die Lösung der Probleme auf eine Instanz außerhalb der beteiligten Personen verlagert wird! Hier macht sich auch ein Nachteil einer rein wissenschaftlich orientierten Psychiatrie bemerkbar, die in ihrem Relativismus keine (geistige) Ganzheit des Menschen oder eine übergeordnete Ganzheit kennt. (S. a. Abschnitt: `Relativismus der Wissenschaft´).

R.D. Laing ging sogar so weit, die Schizophrenie geradezu als Projektion mancher schizophrenen Theorie anzusehen.
[87]
Ich verweise auch auf das vorherrschende Bild von der Person der heutigen Psychiatrie, bestehend aus vielen Selbstrepräsentanzen, die nicht durch ein übergeordnetes großes Ganzes zusammengehalten werden, sodass damit von vornherein eine ungünstige Ausgangspositionen bezüglich der Therapie schizophrener Psychosen eingenommen wird.
Viele Konzepte legen ihren Fokus einseitig auf die Beseitigung der Störungen. Dagegen steht Eugen Bleulers Zitat: Das grundsätzliche Kennzeichen in der Psychosen liege darin, „dass das Gesunde dem Schizophrenen erhalten bleibt. Es wird nicht aufgelöst, sondern versteckt.“[88]
• C. Kulenkampff schreibt: Die Aussage Griesingers aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass Geisteskrankheiten Gehirnkrankheiten seien, stünde wie auf einem Portal. Diese „an sich legitime Arbeitshypothese - Schizophrenien seien somatisch bedingte Leiden“ - sei schließlich „zur unreflektierten Behauptung“ degeneriert. „Dabei hat der Elefant einer weltweiten biochemischen, anatomischen, genetischen und sonstigen naturwissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Ätiologie von Schizophrenien bis heute nicht einmal eine Maus geboren.“
[89]
Ich habe den Eindruck, dass sich an dieser Aussage bis heute prinzipiell nichts geändert hat, auch wenn gegenüber damals detailliertere neuropathologische Forschungsergebnisse vorliegen.
• Die meisten Schizophrenietheorien haben eine positivistische Grundlage, d.h. sie lassen nur `harte Fakten´ gelten. Dagegen meint M. Musalek zu Recht: „Das Hauptproblem von positivistischen Forschungsansätzen insgesamt besteht in dem Umstand, dass die uns gegenüber stehende Natur offensichtlich nichts von unseren Einteilungs- und Ordnungsprinzipien weiß. Wir sind es nämlich, die Krankheitskategorien schaffen, in die wir dann die uns umgebende Natur ordnen. Die Natur selbst kennt diese Formen und Einteilungen nicht. Aus diesem Grund musste auch eine dem Positivismus verpflichtete Schizophrenieforschung, die von Menschenhand geschaffene Krankheitskategorien als naturgegeben erachtet, auch wenig erfolgreich bleiben.“
[90]

Warum kann man die fremden Absolutheiten (FA) als gemeinsamen Nenner für die Verursachung von Schizophrenie
in den genannten Schizophrenietheorien ansehen?

Von den FA-wirkungen ausgehend dazu noch einige ergänzende Stichworte:
-  Wie durch die FA-Wirkungen
das
Vulnerabilitäts-Stress-Modell, die Reizüberflutung, die Doppelbindungstheorie, die „Paradoxien“ (M. Selvini Palazzoli) und der pathologischer Narzissmus nach Kernberg erklärt werden können, habe ich in den vorherigen Abschnitten  ausgeführt.
-  Warum
erklären die FA, dass es zum emotionalen Überengagement (HEE) kommen kann? Das HEE-Konzept geht davon aus, dass sich im (familiären) System emotionale Überengagements häufen. Sie lassen sich m.E. dadurch erklären, dass alle Beteiligten von ähnlichen FA bestimmt werden wie der Indexpatient und deshalb mit den verabsolutierten Thematiken nicht locker (relativierend) umgehen können. Gleichzeitig bestehen nach meinen Erfahrungen gegenteilige Verhaltensweisen in Form von emotionaler Leere („Kälte").
- 
Die Verstrickungen" nach S. Minuchin kommen zustande, weil die Betroffenen an den FA-Stellen keine Lösungen finden/ keine erlösende Metaebene einnehmen können.
- „Delegation“ und „unmögliche Mission“ nach H. Stierlin lassen sich ähnlich erklären:
Die
Betroffenen können die von anderen Menschen delegierte FA-Missionen auf Dauer nicht erfüllen.
Die oft angeführte Ich-Schwäche erklärt sich aus der Überforderung des Ich durch die FA bzw. durch das schwache,  FA-bestimmte Selbst, das ein schwaches Fremd-Ich bedingt.
-  Die früher oft beschriebene „broken-home-Situation" - denn die FA splten auch Familien - findet sich auch heute noch, allerdings auch deren Gegenteil in Form von Fusionen, Hypernähe o.ä.
-  Die schizophrenogenen Mütter (Frieda Fromm-Reichmann) kann man auch finden - so wie man bei uns allen Schizophrenogenes finden kann.

Siehe auch Zur Psychotherapie der Schizophrenie im Teil `Psychotherapie´.

Lösungen von Spaltungen

Es gibt zwei prinzipielle Lösungsmöglichkeiten:
a) Relative Lösungen
b) Absolute Lösung[91]
zu b) Wenn Spaltungsphänomene auftreten, dann gehe ich davon aus, dass diese im Absolutbereich der Person bestehen und eines Ganzheitskonzepts bedürfen, einer Metaebene, die nicht nur über allem Relativen sondern auch über den FA liegt, von der aus die vorhandenen FA integriert werden können und damit ihre subjektive Absolutheit verlieren (was bei dem +A der Fall ist).
Ähnlich kennt Goethe ein „Streben nach Einheit in einem oberen Verbindungspunkt.“[92] Oder Paulus: „So befinde ich mich in einem Zwiespalt: Mit meinem Denken und Sehnen folge ich zwar dem Gesetz Gottes, mit meinen Taten aber dem Gesetz der Sünde. Wer nun mit Jesus Christus verbunden ist … für den gilt nicht länger das Gesetz der Sünde und Todes. Es ist durch ein neues Gesetz aufgehoben, nämlich durch das Gesetz des Geistes Gottes, der durch Jesus Christus das Leben bringt.“[93]
Siehe auch Abschnitt `Lösungen´ im Teil `Metapsychotherapie´.


Wahn

    Wahn wird dadurch erklärbar, dass P sich und die Welt nicht von einer erstrangigen Perspektive, d.h. vom eigentlichen Selbst beurteilt, sodass das Ich keine eindeutige Position einnehmen kann, sondern P deutet die Welt von fremden, verzerrten, z.T. widersprüchlichen Gesichtspunkten (FA) aus. Dieses gestörte Denken und Urteilen entspricht in dieser Arbeit Störungen, die man v.a. dem Aspekt 18 zuordnen kann und deren Ursprung in entsprechenden Verabsolutierungen liegt. Ich nehme an, dass noch andere Verabsolutierungen hinzukommen, die den Inhalt des Wahns bestimmen.
Die Wahnthemen widerspiegeln so jeweilige Verabsolutierungen: z.B. Verabsolutierung der eigenen Verantwortung* und Moral* Ich bin an allem Schuld Schuldwahn;
Andere, je nach verabsolutiertem Thema*: Beziehungswahn, Beeinträchtigungswahn, Bedrohungs- und Verfolgungswahn, Eifersuchtswahn, Liebeswahn, Größenwahn, Kleinheits- oder Nichtigkeitswahn, Versündigungs- und Schuldwahn, Unschuldswahn, Untergangswahn, Verarmungswahn, Reichtumswahn, Krankheits- bzw. hypochondrischer Wahn, religiöser, esoterischer, politischer Wahn, Schädigungswahn, Devitalisierungswahn („Ich bin tot“)usw. Man kann die verschiedenen Wahnthemen zwanglos entsprechenden Aspekten dieser Arbeit zuordnen.

Anstelle eines +A haben die Menschen fremde Absolutheiten in ihren Systemen. „Solche Menschen leben in ihrem eigenen Sonnensystem; darin muss man sie aufsuchen” - meinte schon F. Nietzsche.[94]
Die  Ursachen liegen keineswegs nur im Betroffenen selbst.[95] Deshalb spielen Fehlidentifikationen beim Wahn eine wichtige Rolle: Ich identifiziere mich mit Jemand/Etwas oder ich identifiziere Jemand/Etwas mit mir. Äußeres repräsentiert dann Inneres von P² und umgekehrt und bekommt dadurch andere Bedeutungen. Beispiel Eifersuchtswahn: Ein Patient, der seine Selbstwertkomplexe damit kompensiert, dass er seine attraktive Ehefrau wie ein Objekt anderen Männern gegenüber präsentiert: „Seht, was für ein Kerl ich bin, dass ich so eine tolle Frau habe“ - gleichzeitig aber auch den Wahn entwickelt, seiner Frau könnten andere Männer besser gefallen und er könnte dann sein Liebesobjekt* (+FA), seine Frau, verlieren.
E. Bleuler: „Die Wahnentwicklung erscheint einem weniger rätselhaft, wenn man sie sich in jedem Falle als das Ergebnis einer einfühlbaren Auseinandersetzung auf eine innere und äußere Konfliktsituation vorstellt: Der ehrgeizige junge Mann möchte Großes leisten, bringt aber Großes nicht zustande. Vor seinem Selbstgefühl darf sein eigenes Unvermögen nicht die Ursache seines Missgeschick sein: er schützt sich vor Minderwertigkeitsgefühlen, indem er den bösen Intrigen anderer Schuld an seinem Schicksal zuschreibt. Das Mädchen, das wegen seiner Kontaktschwierigkeiten keinen Freund hat, träumt davon, dass Männer von viel höheren Stand als die Burschen, die es verschmäht, es liebten, aber dass böse Leute am Werke seien, die die Liebenden nicht zusammenkommen ließen.“[96] Bleuler kann sich nur mit der Vorstellung eines Schwellenwertes, eines `point of no return´, den Übergang vom noch Normalen zum Psychotischen vorstellen. Das sei der Punkt, „wo die Konfrontation der eigenen Lage mit der Wirklichkeit derart erschütternd und schmerzhaft wird, dass man sie aufgibt und man in der irrealen Vorstellungswelt befangen bleibt.“ Diesen `point of no return´ sehe ich dort, wo Relatives absolute Bedeutung gewinnt und von dem Betroffenen nicht mehr integriert/ kompensiert werden kann.

.[97]

 Tabelle: Beispiel Genese des Wahns: